Täter-Opfer-Dynamik – Warum so viele Gewalttaten nicht angezeigt werden

Statistiken zu sexualisierter Gewalt weisen immer wieder auf die Problematik hin, dass Betroffene häufig nicht oder erst mit großer zeitliche Verzögerung Anzeige erstatten. Dies erschwert die Ermittlungen und die Strafverfolgung insgesamt. In anderen Gerichtsverfahren kann beobachtet werden, dass die Zeuginnen die Täter doch irgendwann entlasten oder die Anzeige zurückziehen. Ähnliches ist auch in Verfahren zu beobachten, in denen Kinder die Betroffenen sind: Es gibt eine Bindungsdynamik zwischen Täter*innen und Opfern, die in extremen, absichtsvoll erzeugten Fällen als sogenanntes “Mind Control” bezeichnet wird und die auch in ihren abgeschwächten Formen immer wieder die Strafverfolgung erschwert. Diesem Thema widmet sich eine wissenschaftliche Studie aus dem Gebiet Menschenhandel.

Redaktioneller Hinweis: Dieser Text wurde mit freundlicher Genehmigung von Dr. Jan Gysi (Schweiz) aus seinem Newsletter übernommen. Wer sich auf seinem Newsletter eintragen lassen möchte, klickt bitte hier: https://updates-psychotraumatologie.mailchimpsites.com/

Komplexe Täter-Opfer-Bindung im Menschenhandel

Chambers, R., Gibson, M., Chaffin, S., Takagi, T., Nguyen, N., & Mears-Clark, T. (2022).

Trauma-coerced attachment and complex PTSD: informed care for survivors of human trafficking.

Journal of Human Trafficking, 1-10.

https://doi.org/10.1080/23322705.2021.2012386

Kommentar von Dr. Jan Gysi:

Die hochgradig dysfunktionale Bindung zwischen Täter und Opfer bei bindungsbasierter Gewalt gehört in meiner Erfahrung zu den grössten Herausforderungen, denen wir in der psychotherapeutischen Behandlung von Opfern organisierter Gewalt konfrontiert sind. Speziell im Menschenhandel, und dazu gehört in der Regel auch der Loverboy-Missbrauch, setzen Täter verschiedene Techniken ein, um eine emotionale Bindung des Opfers herzustellen, die nur schwer zu durchbrechen ist. Dazu gehören unter anderem Belohnung und Bestrafung sowie Angst und das Ausnützen sexueller Gefühle des Opfers.

Der Täter provoziert in der Folge eine hohe emotionale Abhängigkeit und erzwingt schrittweise eine veränderte Welt- und Selbstsicht des Opfers. Das Opfer empfindet in der Folge (zeitweise) Gefühle von Dankbarkeit und Loyalität gegenüber dem Täter, mit Verleugnung und Verharmlosung von Zwang und Gewalt des Täters. Opfer übernehmen folglich die Verantwortung für die Straftaten des Täters und schützen ihn sogar vor den rechtlichen und sozialen Konsequenzen seiner Taten. Diese Art der Bindung kann auch nach dem Ende der Beziehung zwischen Opfer und Täter fortbestehen und zu einem Verhalten führen, das für andere, einschliesslich psychotherapeutische Fachkräfte sowie Fachleute in Polizei und Justiz, schwer vorhersehbar und verständlich ist.

Der vorliegende Übersichtsartikel weist konzeptuell und inhaltlich einige Mängel auf. Ich verschicke ihn trotzdem über diese Liste, weil er eine Problematik betrifft, die bei uns Fachkräften tendenziell unterschätzt wird und für uns oft schwer nachvollziehbar und in Therapien schwierig zu behandeln ist: die schwer dysfunktionale ambivalente Bindung von Opfern im Menschenhandel (und anderen bindungsbasierten Formen sexualisierter Ausbeutung) zu den Tätern.

Redaktioneller Hinweis: Dieser Text wurde mit freundlicher Genehmigung von Dr. Jan Gysi (Schweiz) aus seinem Newsletter übernommen. Wer sich auf seinem Newsletter eintragen lassen möchte, klickt bitte hier: https://updates-psychotraumatologie.mailchimpsites.com/