Teufelsaustreibung bis zum Tod – Anneliese Michel

Im April 1978 werden die Eltern und zwei verantwortliche katholische Priester verurteilt, weil sie zugelassen haben, dass die 23jährige Anneliese Michel nach Teufelsaustreibungen gestorben ist.

Tatzeit von:


1. Juli 1975
(geschätzt nach Quellenlage)

Tatzeit bis:


1. Juli 1976
(Todestag)

Urteil/Anlass Datum:


21. April 1978

Stadt:


Klingenberg am Main

Bundesland/Landstrich:


Bayern

Land:


Deutschland

Ist Rituelle Gewalt in Deutschland strafbar?


Annelieses Eltern und zwei der verantwortlichen Priester wurden wegen „fahrlässiger Tötung durch Unterlassung“ verurteilt, weil sie keine ärztliche Versorgung hinzugezogen und nichts gegen Annelieses Unterernährung unternommen hatten. Alle vier Angeklagten erhielten am 21. April 1978 jeweils sechsmonatige Haftstrafen, die auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt wurden.

Dabei berücksichtigte das Gericht eine erhebliche Verminderung der Einsichtsfähigkeit, da die Angeklagten „unumstößlich an die personale Existenz des Teufels glaubten“, was im Sinne von § 21 StGB zu einer verminderten Schuldfähigkeit führe. (Zur Kritik an dieser Einschätzung siehe die Rubrik „Religiöse und ideologische Hintergründe“)

Die Staatsanwaltschaft hatte eine Geldstrafe für die Geistlichen gefordert und keine Bestrafung für die Eltern, da diese unter dem Verlust der Tochter schon genug leiden würden. Die Verteidigung forderte Freisprüche. Das Gericht ging mit seinem Urteil über diese Forderungen weit hinaus.

Die Staatsanwaltschaft beim Landgericht Aschaffenburg erhob auch Anklage gegen den damaligen Würzburger Bischof und einen weiteren beteiligten Priester. Diese beiden Verfahren wurden aber eingestellt, weil die Beschuldigten gar keinen persönlichen Kontakt mit Anneliese Michel gehabt hatten. [1]

Quellen:
[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Anneliese_Michel, abgerufen am 23.9.2016


Sind Menschen bei Ritueller Gewalt getötet worden?


Anneliese Michel starb im Alter von 23 Jahren indirekt an den Folgen der Exorzismen, die sie erleiden musste (siehe Rubrik „Psychologische/medizinische Hintergründe“). Sie wog zum Zeitpunkt des Todes noch 31 kg bei einer Körpergröße von 1,66 m. Die Entkräftung, Unterernährung und mangelnde medizinische Versorgung führten zu ihrem Tod, nicht die Handlungen beim Exorzismus selbst. [1]

Quellen:
[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Anneliese_Michel, abgerufen am 23.9.2016


Psychologische / medizinische Hintergründe


Anneliese Michael soll gesundheitlich immer schon eher schwach gewesen sein. 1968 soll sie ihren ersten Krampfanfall gehabt haben. 1969 hatte sie den zweiten, zusätzlich bekam sie eine Lungenentzündung und Tuberkolose. 1970 war sie sechs Monate in einer Lungenklinik im Allgäu. Dort, so heißt es, habe sie ihre ersten Teufelserscheinungen gehabt und Stimmen gehört. [1]

Weil sie nach dem Klinikaufenthalt die Schulklasse wechseln musste, litt sie laut Wikipedia an Einsamkeit und Depressionen. 1973 berichtete sie einem Arzt über Klopfgeräusche in ihrem Zimmer und Stimmen „aus der Hölle“, die zu ihr gesprochen hätten. Der Arzt deutete dies als beginnende Psychose. Sie berichtete, seit 1972 habe sie fast täglich Krampfanfälle und bekam die Diagnose „Epilepsie“.

Diese Diagnose hatte sie also bereits, deutlich bevor die Teufelsaustreibungen im Jahre 1975 begannen. Sie erhielt auch Medikamente. Ihre Krampfanfälle, die sie selbst genau wie ihre Eltern einer Besessenheit zugeschrieben hat, waren also sehr wahrscheinlich eigentlich krankheitsbedingt. Die strenge Überzeugung, besessen zu sein und die Dämonen los werden zu wollen, schädigte ihre Gesundheit, und sie wurde immer dünner, schwächer und kränker.

Im März 1976 stellte Anneliese Michel zur Fastenzeit die Nahrungsaufnahme gänzlich ein. Außerdem soll sie sich mit hunderten von Kniebeugen täglich und Selbstverletzungen selbst gequält haben. [1 und 2] Als Freundinnen einen Arzt herbei rufen wollten, wurde dies laut Wikipedia von Anneliese Michels Familienmitgliedern verhindert. Man solle sich an ein angebliches Schweigegebot des Bischofs halten. [1]

Sie starb am 1. Juli 1976 an den Folgen ihres schlechten Ernährungszustandes und der hochgradigen Abmagerung. Bei einer Obduktion wurde zudem eine Lungenentzündung festgestellt.

Wikipedia zitiert mehrere medizinische und psychologische Gutachten über die Prozessbeteiligten: Im Laufe des Prozesses bestätigte ein Gutachter die Diagnose der Epilepsie und sagte, durch den Einsatz der Medikamente sei die Krankheit zu einer paranoiden Psychose geworden. Seiner Meinung nach hätte der Tod durch rechtzeitige medizinische Hilfe gegen die Unterernährung und psychotherapeutische Behandlung verhindert werden können. Ein zweites Gutachten bezweifelte einen zuvor diagnostizierten Hirnschaden bei Anneliese Michel und vermutete eine nicht behandelte schwere Schizophrenie als eine Komponente der Krankheit.

Auch über die Angeklagten wurden psychologische Gutachten angefertigt. Allen wurde eine starke Religiösität bescheinigt. Außerdem habe einer der Priester eine Gehirnverkalkung, ein anderer evtl. eine „Psychose des schizophrenen Formenkreises“.

Die Eltern beriefen sich darauf, dass sie ihre Tochter in die Hände der Priester gegeben hätten – diese wiederum sagten, die Ernährung und gesundheitliche Versorgung von Anneliese Michel sei Aufgabe der Eltern gewesen.

Weitere psychologische, medizinische, gesellschaftskritische und theologische Deutungen des Falles können bei Wikipedia nachgelesen werden. [1]

Quellen:
[1] Alle Informationen aus Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Anneliese_Michel, abgerufen am 23.9.2016
[2] Buch Uwe Wolff, Das bricht dem Bischof das Kreuz, rororo Sachbuch, Hamburg 1999


Religiöse und Ideologische Hintergründe


Anneliese Michel stammte aus einem streng katholischen Elternhaus. Bei einer Wallfahrt nach Norditalien „soll sie dort eine große Abneigung“ gegen alle der Religionsverehrung dienende Gegenständie gezeigt haben.“ [1]. Die Wallfahrtsleiterin stellte Anneliese Michel daraufhin bei mehreren katholischen Priestern vor, bis am 1.7.1975 der erste „Exorzismus probativus“ (eine Vorstufe für spätere so genannte „kleine“ und „große Exorzismen“) über sie gesprochen wurde. Insgesamt soll es über den Zeitraum von einem Jahr (Juli 1975 bis Juli 1976) 67 Teufelsaustreibungen bei Anneliese Michel gegeben haben, in deren Verlauf sie immer schwächer und kränker wurde und abmagerte. [2]

Der Prozess um „Himmel oder Erde“

Im Prozess vor dem Landgericht Aschaffenburg treffen zwei parallel gelebte Welten aufeinander: die religiöse, vertreten von den Angeklagten und vielen der Besucher/innen, und die weltliche in Form von Gericht und Justizapparat. So wurde der Würzburger Bischof vom Gericht vorgeladen, aber er entzog sich dieser Aufforderung. [3]

Ferner äußerten sich Vertreter des Vatikans besorgt, dass die Übergabe der Tonbänder, die bei den Exorzismen aufgenommen worden waren, einen Bruch des Beichtgeheimnisses darstellen könnte. Diese Tonbänder waren von einem der beteiligten Priester an die Staatsanwaltschaft weiter gegeben worden. [2] Die Aufnahmen waren erstellt worden, um einerseits dem Bischof gegenüber die Teufelsaustreibungen zu dokumentieren und zum anderen, weil der Beteiligte Priester damit die reale Existenz Satans auf der Welt belegen wollte. [4]

Zu Beginn des Prozesses forderte Anneliese Michels Vater die Anwesenden auf, mit ihm zu beten, denn schließlich trete man in diesem Prozess gegen die Macht des Teufels an. Der Vorsitzende Richter lehnte dieses Ansinnen ab und verwies darauf, dass es im Prozess um den Straftatbestand der unterlassenen Hilfeleistung gehe und nicht um den Kampf zwischen Gott und Teufel.  [3]

Der Journalist Marcus Wegner veröffentlichte in seinem Buch „Exorzismus heute“ Auszüge aus einem bis zu diesem Zeitpunkt unveröffentlichten Rundfunkinterview mit Anneliese Michels Eltern unmittelbar nach ihrer Verurteilung. In diesem Interview erläutern sie ihre religiöse Sicht auf den Tod ihrer Tochter, ihr Weltbild und warum sie das weltliche Gerichtsurteil nicht ernst nehmen können. [5]

Das Gericht ging in seinem Urteil davon aus, dass die starke Religiösität der Beteiligten zu einer verminderten Schuldfähigkeit führte. (Siehe diesbezügliche Informationen in der Rubrik „Urteile in Deutschland“). Das wurde später kritisiert: Man könne nicht allen Christen unterstellen, sie seien aufgrund ihrer religiösen Überzeugungen vermindert schuldfähig. [2]

Reaktionen der Amtskirche

Vom Würzburger Bischof zitieren mehrere Autorinnen und Autoren ein Schreiben, in dem er den Exorzismus an Anneliese Michel schriftlich genehmigt hat. Später leugnete er in einem Zeitungsinterview diese Genehmigung. [6]

Die Deutsche Bischofskonferenz erkannte 2005 grundsätzlich an, dass die Todesursache von Anneliese Michel indirekt im Großen Exorzismus gelegen habe. [2] Sie sei nicht besessen gewesen. [7]

Und mehr noch: Die Ereignisse, die auch als „Exorzismus von Klingenberg“ bekannt wurden, veränderten die Praxis der Ausübung der Teufelsaustreibung innerhalb der römisch-katholischen Kirche Deutschlands. So entschied die Deutsche Bischofskonferenz, eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe für grundsätzliche Fragen um Besessenheit und Exorzismus einzurichten. In der Folge wurden neue Regeln aufgestellt, z.B. dass Ärzte bei Exorzismen verbindlich hinzuzuziehen sind. [7]

Offiziell hieß es lange, seit dem Tod von Anneliese Michel habe es in Deutschland keine Exorzismen mehr gegeben. Der WDR recherchierte und belegte aber 2008, dass die Bistümer Augsburg und Paderborn weiterhin vereinzelte Exorzismen genehmigten. [8]

Religiöse Deutungen

Diverse religiöse und religionspolitische Deutungen und Hintergründe sind bei Wikipedia nachzulesen. In manchen konservativ-religiösen Kreisen genießt Anneliese Michel bis heute das Ansehen einer Heiligen. [2]

Es ranken sich bis heute Mythen um Anneliese Michels Tod. So soll ihr Leichnam nicht verwest sein. Nach einer Exhumierung im Februar 1978 bestätigten mehrere Anwesende allerdings sehr wohl den Verwesungsprozess ihrer Leiche. Die Polizei ist anwesend und fotografiert, die Fotos würden aber niemandem außer den Eltern gezeigt, heißt es. Weil die Fotos als Verschlusssache gehandhabt werden, hält sich aber hartnäckig das Gerücht, gerade das sei eine Bestätigung dafür, dass Anneliese Michels Leichnam unversehrt gewesen sei. [9]

Im Juni 2013 z.B. brannte ein Gebäude in der Nähe des elterlichen Sägewerks aus. Die Tat wurde erst Satanisten zugeschrieben, tätsächlich wurde der Brand aber von einem Feuerwehrmann gelegt. [2]

Quellen:
[1] Marcus Wegner: Exorzismus heute. Gütersloher Verlagshaus, München 2009, S. 77
[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Anneliese_Michel, abgerufen am 23.9.2016
[3] Buch Uwe Wolff, Das bricht dem Bischof das Kreuz, rororo Sachbuch, Hamburg 1999, S. 27ff.
[4] Buch Uwe Wolff, Das bricht dem Bischof das Kreuz, rororo Sachbuch, Hamburg 1999, S. 18
[5] Buch Marcus Wegner: Exorzismus heute. Gütersloher Verlagshaus, München 2009, S. 86ff.
[6] z.B. Buch Uwe Wolff, Das bricht dem Bischof das Kreuz, rororo Sachbuch, Hamburg 1999, S. 21
[7] Buch Marcus Wegner: Exorzismus heute. Gütersloher Verlagshaus, München 2009, S. 89ff.
[8] Buch Marcus Wegner: Exorzismus heute. Gütersloher Verlagshaus, München 2009, S. 94 ff. dort auch die ausführliche Bestätigung des Erzbistums Paderborn.
[9] Buch Uwe Wolff, Das bricht dem Bischof das Kreuz, rororo Sachbuch, Hamburg 1999, S. 23ff.

 


Spezielle Orte


Klingenberg – Laut Wikipedia gilt die Region um Klingenberg als „von der Pius-Bruderschaft unterwandert.“ [1] Das Grab von Anneliese Michel in Klingeberg wird regelmäßig von Gläubigen besucht. Es gibt Pilgerreisen aus verschiedenen europäischen Ländern. Buchautor Marcus Wegner schreibt von teilweise mehreren Busreisen täglich [2], Wikipedia hingegen erwähnt eine Mahnwache für Exorzismusopfer von 2010, an der allerdings nur drei Menschen teil nahmen. [1]

Auf einem Privatgrundstück in der Nähe des Friedhofs ließ ihr Vater eine kleine Kapelle bauen und weihen, in der Pilger empfangen wurden. Dort hat er auch eine „Grablege“ vorbereitet, in die der Sarg mit den Gebeinen seiner Tochter eines Tages gelegt werden sollte. [1, 2 und 3]

Die Kapelle wurde 2012 nach dem Tod von Michels Mutter geschlossen. [1]

Quellen:
[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Anneliese_Michel, abgerufen am 23.9.2016
[2] Buch Marcus Wegner: Exorzismus heute. Gütersloher Verlagshaus, München 2009
[3] Buch Uwe Wolff, Das bricht dem Bischof das Kreuz, rororo Sachbuch, Hamburg 1999


Soziale und gesellschaftliche Faktoren


Der Prozess 1978 erregte als „Aschaffenburger Exorzismus-Prozess“ große mediale Aufmerksamkeit im In- und Ausland, auch im Vatikan. Mehrere Autoren sprechen davon, dass das Gerichtsverfahren neben dem Nürnberger Kriegsverbrechertribunal und dem RAF-Prozess in Stammheim zu den drei weltweit bekanntestens Deutschen Prozessen gehört. [1]

Radio- und Buchautor Marcus Wegner gibt an, mehr als 50 Millionen Zuschauer weltweit hätten seinerzeit die Fernsehberichte zu diesem Verfahren verfolgt. [2]

Der Fall Anneliese Michel wird seitdem von unterschiedlichsten Seiten immer wieder aufgegriffen, z.B. medizinisch bewertet oder anthropologisch untersucht, von religiösen Führerinnen und Führern herangezogen und mit neuen Deutungen versehen. Eine größere Auswahl solcher Reaktionen und Deutungen ist bei Wikipedia nachzulesen. [1]

Der Vorsitzende Richter des Landgerichtes Aschaffenburg sah sich im Prozess in die Rolle gedrängt, zwischen Religion und Weltlichkeit entscheiden zu müssen (Ausführliches dazu siehe Rubrik „Religiöse und ideologische Hintergründe“).

Die Ereignisse, die auch als „Exorzismus von Klingenberg“ bekannt wurden, veränderten die Praxis der Ausübung der Teufelsaustreibung innerhalb der römisch-katholischen Kirche Deutschlands. (Ausführliches dazu siehe Rubrik „Religiöse und ideologische Hintergründe“)

Quellen:

[1] Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Anneliese_Michel, abgerufen am 23.9.2016
[2] Marcus Wegner: Exorzismus heute. Gütersloher Verlagshaus, München 2009, S. 72


Mediale Einflüsse und Folgen


Der Prozess wegen Anneliese Michels Tod erregte hohe mediale Aufmerksamkeit weltweit (siehe „Soziale und gesellschaftliche Faktoren“).

Annelieses Michels Schicksal war Hintergrund, Motivation und/oder Inspiration für viele Radiosendungen, Bücher, Theaterstücke, Dokumentar- und Spielfilme im In- und Ausland. Eine Liste ist auf Wikipedia zu finden. Insbesondere in der Metal-Musikszene beziehen sich mehrere Bands und Songs auf ihre Geschichte. [1]

Von Anneliese Michel existieren viele Fotos, die ihre Entkräftung und Verletzungen dokumentieren. Außerdem liefen bei den Exorzismen teilweise Tonbänder mit, die später für Radio- und Filmberichte verwendet wurden. Darin spricht sie mit veränderter Stimme und stößt Verwünschungen und Beschimpfungen aus. Die Tonbänder wurden zur Dokumentation an den Bischof von Würzburg übergeben, später auch an die Staatsanwaltschaft im Prozess und an andere Interessierte.  [2]

Auf einer eigenen Webseite wurden Orignal-Dokumente gesammelt und Aussagen von angeblichen Dämonen während ihrer Exorzismen verschriftlicht (http://anneliese-michel.com).[3]

Quellen:
[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Anneliese_Michel, abgerufen am 23.9.2016
[2] Buch Uwe Wolff, Das bricht dem Bischof das Kreuz, rororo Sachbuch, Hamburg 1999, S. 18
[3] http://anneliese-michel.com/, abgerufen am 23.9.2016