Charles Manson und seine „Family“

Am 29.3.1971 wird der Musiker Charles Manson gemeinsam mit Mitgliedern seiner Sekte „The Family“ verurteilt, weil er für den Tod von insgesamt sieben Menschen im Jahre 1969 verantwortlich gewesen sei.

Tatzeit von:


7. August 1969

Tatzeit bis:


9. August 1969

Urteil/Anlass Datum:


29. März 1971

Stadt:


Los Angeles

Bundesland/Landstrich:


Kalifornien

Land:


USA

Ist Rituelle Gewalt im Ausland strafbar?


Das Gericht in Kalifornien/USA befand Manson und Mitglieder seiner Sekte für schuldig, insgesamt sieben Menschen getötet zu haben. Eine davon ist die hochschwangere Schauspielerin Sharon Tate, die damalige Ehefrau von Regisseur Roman Polanski.

Es wurde nicht nachgewiesen, dass Manson selbst aktiv an den Taten beteiligt war, aber er war der „Guru“ der Sekte und wurde wegen Anstiftung verurteilt. [1] Er selbst hat seine Tatbeteiligung bestritten. [2]

Das Gericht verurteilt die Beteiligten zum Tode, aber als die Todesstrafe in Kalifornien abgeschafft wird, wird das Urteil in lebenslänglich umgewandelt. [1]

Im November 2014 wird dem inzwischen 80jährigen Charles Manson von den Kalifornischen Behörden erlaubt, dass er seine Lebensgefährtin, die 26jährige Elaine Burton, im Gefängnis heiraten darf. [3] Er ist am 19. November 2017 im Gefängnis gestorben. [4]

Die Sekte wurde nicht komplett verurteilt: Es gab durchaus Sektenmitglieder, denen keine Tatbeteiligung nachgewiesen werden konnte. Sie versuchten, eine Freilassung von Charles Manson aus der Haft zu erreichen. [2]

Quellen:

[1] Radiobeitrag „Zeitzeichen über Charles Mansons Verurteilung – Wir töten mit Genuss“, WDR 29.6.2006
[2] Zeitschriftenartikel „Charles Manson – das wirklich letzte Kapitel“, Rolling Stone, Juli 1995
[3] Zeitungsartikel „US-Sektenführer darf in Haft heiraten“, Neue Westfälische 19.11.2014
[4] Zeitungsartikel „US-Sektenführer und Serienmörder Charles Manson stirbt mit 83“, Neue Westfälische 20.11.2017

 


Sind Menschen bei Ritueller Gewalt getötet worden?


Nach Erkenntnissen des Gerichtes starben Sharon Tate und vier ihrer Freunde bei den Angriffen der Sektenmitglieder der „Family“. Einen Tag später tötete die Sekte ein Ehepaar.

Im Nachhinein wurde vermutet, dass die Gruppe um Sharon Tate eher ein Zufallsopfer war. Der Tatort war ein Haus, das bis kurz vor dem Mordtag einem Musikproduzenten gehört hatte. Dieser hatte Manson einen Plattenvertrag in Aussicht gestellt, das Versprechen aber nie eingelöst. „Es liegt die Vermutung nahe“, schreibt der Rolling Stone im Einklang mit anderen Quellen, „dass es sich um eine Verwechslung handelte“, weil die Täter/innen nicht wußten, dass das Haus inzwischen an Roman Polanski vermietet wurde. [1] „Alle Gäste wurden auf bestialisiche Weise mit Küchenmessern niedergemetzelt oder zu Tode stranguliert“, schreibt der WDR. [2]

Die Motive für den Mord an einem Ehepaar einen Tag später konnten nie überzeugend aufgeklärt werden, schreibt der Rolling Stone. [1]

Quellen:

[1] Zeitschriftenartikel „Charles Manson – das wirklich letzte Kapitel“, Rolling Stone, Juli 1995
[2] Radiobeitrag „Zeitzeichen über Charles Mansons Verurteilung – Wir töten mit Genuss“, WDR 29.6.2006


Welche Rolle spielt sexualisierte Gewalt?


Charles Manson wurde schon bevor er seine Sekte gründete mehrfach wegen Vergewaltigung, Zuhälterei und Diebstahl inhaftiert. Zur Sekte gehören überwiegend junge Mädchen und Frauen. Zu den Kunden und Finanziers der Kommune um Charles Manson gehörten reiche Männer aus dem Kalifornien der 1960er Jahre. [1]

„Freie Liebe“ war in dieser Umgebung kein Tabu, sondern eher eine Form des Protestes gegen das Establishment.

Quellen:

[1] Radiobeitrag „Zeitzeichen über Charles Mansons Verurteilung – Wir töten mit Genuss“, WDR 29.6.2006


Wer sind die Täter/innen?


Charles Manson war ein relativ erfolgloser Musiker, der allerdings einflussreiche Freunde kannte (z.B. Dennis Wilson von den Beach Boys, der Manson die B-Seite einer seiner Singles bespielen ließ. [1]

Der WDR fasst seine Kindheit so zusammen:

„Charles Manson wurde 1934 als Kind einer 16 Jahre alten alkoholabhängigen Prostituierten in Cincinatti (Ohio) geboren. Nachdem seine Mutter wegen Autodiebstahls ins Gefängnis kommt, wird er unter anderem von seinem Onkel streng religiös erzogen. Seine Jugend verbringt er in Erziehungsheimen. … Wieder draußen gründet er mit 20 jungen Mädchen zwischen 18 und 24 Jahren, die ihn als Heiland verehren, die sektenartige „Manson Family“. Um deren Drogenkonsum zu finanzieren, holt er immer wieder reiche Männer ins Haus.“ [2]

Quellen:

[1] Zeitschriftenartikel „Charles Manson – das wirklich letzte Kapitel“, Rolling Stone, Juli 1995
[2] Radiobeitrag „Zeitzeichen über Charles Mansons Verurteilung – Wir töten mit Genuss“, WDR 29.6.2006


Religiöse und Ideologische Hintergründe


Der Sektenexperte Ingolf Christiansen ordnet die Taten von Charles Manson und seiner „Family“ dem sogenannten „Acid-Satanismus“ zu, dessen Ziel es sei, „mit Hilfe von Drogen orgiastische und sadistische Satansriten zu feiern.“ Das Bekenntnis zum Satanismus wird dabei durch Tätowierungen oder Piercings auch öffentlich zur Schau gestellt.

Ingolf Christiansen schreibt weiter: „Kennzeichnend für diese Bewegung ist die mangelnde Organisationsfähigkeit, ein nur schwach ausgeprägtes Ritualsystem, aber dafür der unbändige Wille, alle gesellschaftlichen Konventionen über Bord zu werfen. >Entweihungen< von Kirchen und Vandalismus auf Friedhöfen gehören genauso zu den Kultpraktiken wie das >Feiern< von Tieropfer-Ritualen oder das Begehen von Ritualmorden. Wobei diese als Fanal des Unterganges abendländisch-christlicher Kultur verstanden sein wollen. Bei einigen solcher Fälle ist davon auszugehen, dass die Medien (Fernsehen und Presse) die Folie für das Praktizieren dieser Rituale bieten.“ [1]

Mansons Glaubenssystem war von einer deutlichen Feindschaft gegenüber schwarzen Menschen geprägt. Den Rassen-Krieg zwischen Weißen und Schwarzen sagte Manson in Anlehnung an den Beatles-Song als „Helter Skelter“ voraus. [2]

Im Laufe des Prozesses ritzte sich Mason 1970 ein Kreuz auf die Stirn, weil er aussage wollte, dass die Gesellschaft ihn „ausgeixxt“ habe. Inzwischen hat er aus dem Kreuz ein Hakenkreuz gemacht. [3]

Quellen:
[1] Buch “Satanismus – Faszination des Bösen”, Ingolf Christiansen, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2000
[2] Radiobeitrag „Zeitzeichen über Charles Mansons Verurteilung – Wir töten mit Genuss“, WDR 29.6.2006
[3] Zeitschriftenartikel „Charles Manson – das wirklich letzte Kapitel“, Rolling Stone, Juli 1995


Soziale und gesellschaftliche Faktoren


Charles Manson verbrachte seine Jugend im Rotlicht-Milieu. Er lebte in Erziehungsheimen oder bei Verwandten, nachdem seine Mutter ins Gefängnis kam. [1]

Hippie-Kommunen waren im Kalifornien der 1960er Jahre eine breite Bewegung – freie Sexualität und Drogenkonsum, wie sie in „Charles Mansons Familiy“ praktiziert wurden, gehörten damals zu dieser Kultur.

Quellen:

[1] Radiobeitrag „Zeitzeichen über Charles Mansons Verurteilung – Wir töten mit Genuss“, WDR 29.6.2006


Mediale Einflüsse und Folgen


Bemerkenswert sind Mansons Bezüge in die kalifornische Musik- und Filmindustrie zum Zeitpunkt der Taten.

Musik

Als Musiker wurde Charles Manson von seinem damaligen Freund Dennis Wilson (Beach Boys) unterstützt, ein paar Platten zu veröffentlichen. Im Song „Helter Skelter“ von den Beatles, dessen Titel nach dem Mord an einem Ehepaar an die dortige Kühlschranktür geschmiert wurde, behauptete Manson diabolische  Botschaften gehört zu haben. [1]

Während er nach den Morden in Haft saß, produzierten und veröffentlichten einige Mitglieder seiner Sekte „Family“ eine Platte. Dafür nahmen sie Aufnahmen mit Mansons Gesang und mischten sie mit Instrumente etc. neu ab. Das Erscheinen der Platte verlief unspektakulär.  Auch Rocklegende Neil Young gehörte vor den Morden zu Mansons Förderern. [2]

Um 1995 herum erlebte der Ruf von Charles Manson ein mediales Revival. Er gab Interviews. Axl Rose (Guns N’Roses) präsentierte sich auf der Bühne im Manson-T-Shirt und sie nahmen einen Song von Manson auf eines ihrer Alben auf. Trent Razor von Nine Inch Nails mietete die Tate/Polanski-Villa, um sich dort musikalisch inspirieren zu lassen. Andere Musiker versuchten, Charles Manson optisch ähnlich zu sehen. Angebliche Reliquien der Manson Family wurden vermarktet, Porträts und Zeichnungen von den Morden wurde auf T-Shirts gedruckt. [2] Schock-Rocker Marilyn Manson benennt sich nach ihm – sein Name ist eine Zusammenfügung der beiden US-Kultur-Ikonen Marilyn Monroe und Charles Manson. [1]

Film

1971 hat der Journalist Ed Sanders Details über die Beteiligung von Charles Mansons Family an Filmaufnahmen mit Opferungen von Tieren und Menschen (Snuff-Videos) in Verbindung mit rituellen und sexuellen Handlungen veröffentlicht. Gerichtlich erwirkte die „Process Church of the Final Judgement“, die laut Thorsten Becker von verschiedenen Autor/innen selbst mit entsprechenden Verbrechen in Verbindung gebracht wird, dass diese Passagen in späteren Auflagen aus dem Buch entfernt werden mussten. [3]

Roman Polanski

Der Hollywood-Regisseur Roman Polanski war nicht zu Hause, als seine damals schwangere Frau Sharon Tate getötet wurde.  Er hat sich aber auf vielfältige Weise und immer wieder in seinen Filmen mit dem Teufel, Teufelsglauben und Vampirismus beschäftigt: „Tanz der Vampire“ (1967) und „Rosemaries Baby“ (1968) entstanden vor dem Tod seiner Frau Sharon Tate. „Andy Warhol’s Daracula“ (1974) oder „Die neun Pforten“ (1999) entstanden danach. [4] Auffällig ist, dass er sich nicht eindeutig gegen Satanismus positioniert, sondern „der Teufel“ häufig als Sieger oder zumindest ungeschoren aus der Story geht. Nachdem Polanski seine Frau und sein ungeborenes Kind durch ein Satanisten-Verbrechen verloren hat, hätte er sich auch ausdrücklich gegen destruktive Religionen positionieren können. Stattdessen positioniert er sich gegen den Holocaust, ist also kein grundsätzlich unpolitischer Mensch oder Regisseur.

In einem seiner größten Filmerfolge, „Rosemaries Baby“, gerät ein junges Ehepaar in die Fänge eines Satanskultes. Mit Drogen und Manipulation des Ehemannes wird Rosemarie gezwungen, ein Kind vom Teufel zu bekommen – mit der Geburt endet der Film. Gerüchten zufolge soll der bekannte amerikanische Satanist Anton Szandor LaVey den Teufel in Rosemaries Traumszene gespielt haben. In der Schauspielerliste der Filmdatenbank IMDB ist er allerdings nicht aufgeführt. Unter der Rollenangabe „Man in dream“ findet man dort 5 verschiedene Schauspielernamen. [5]

Den zweiten Band der Romanvorlage von Ira Levin, „Rosemaries Sohn“, hat Polanski trotz des Welterfolges „Rosemaries Baby“ nicht verfilmt. In „Rosemaries Sohn“ ist das Baby von Rosemarie erwachsen, während sie selbst nach einem Unfall 20 Jahre lang ins Koma gefallen war. Als sie erwacht, wird ihr Sohn, der von der Satanssekte groß gezogen wurde, weltweit als Messias gefeiert. Rosemarie sieht irgendwann die Zeichen, dass ihr Sohn die Wiedergeburt des Teufels ist – aber da ist es fast schon zu spät. Die Vernichtung der Welt kann gerade noch aufgehalten werden. Rosemaries Sohn wird nachhaltig vernichtet. [6]

Roman Polanski geriet im Jahr 2010 noch einmal in die Schlagzeilen, weil er in die Schweiz flüchtete und dort Hausarrest bekam. Hintergrund: Polanski soll sich in den USA wegen sexuellen Mißbrauchs eines 13jährigen Mädchens im Jahr 1977 verantworten. Durch eine Ausreise aus den USA während eines Freigangs entzog er sich 1978 diesem Prozess, seitdem darf er in die USA nicht mehr einreisen. Auch seinen Oscar nahm er 2003 im Ausland entgegen. [7]

Daraufhin zog Polanski nach Krakau – er hat die französische und polnische Staatsbürgerschaft. [8] Die Staatsanwaltschaft in Krakau entschied Ende 2015, dass sie Polanski endgültig nicht an die USA ausliefern werde. Die zum Tatzeitpunkt 13jährige setzt sich schon länger für eine Straffreiheit für Polanski ein. [9]

2017 gibt es im Zuge der Diskussionen um sexualisierte Übergriffe in Hollywook („Weinstein-Affäre“) auch neue Anschuldigungen gegen Roman Polanski. Mehrere Frauen sagen öffentlich aus, er habe sie als Kinder und Jugendliche sexualisiert misshandelt. [10]

Quellen:

[1] Radiobeitrag „Zeitzeichen über Charles Mansons Verurteilung – Wir töten mit Genuss“, WDR 29.6.2006
[2] Zeitschriftenartikel „Charles Manson – das wirklich letzte Kapitel“, Rolling Stone, Juli 1995
[3] Buchbeitrag von Becker, Thorsten, „Rituelle Gewalt: Was wir über Gewalt ausübende, ideologische Kulte, Täter und Täterstrukturen wissen – eine Betrachtung“, erschienen im Buch: Fliß, Claudia und Igney, Claudia, „Handbuch Rituelle Gewalt“, Pabst Verlag Lengerich 2010
[4] Filmdatenbank IMDB im Internet, abgerufen am 22.8.2016
[5] Komplette Schauspielerliste des Films „Rosemaries Baby“, abgerufen am 22.8.2016
[6] Buch „Rosemarys Sohn“, Ira Levin, Wilhelm Goldmann Verlag, München, 1997
[7] Zeitungsartikel „Polanski wieder auf freiem Fuß“, Neue Westfälische vom 13.7.2010
[8] Zeitungsartikel „Polnisches Gericht prüft Auslieferung Polanskis“, FAZ vom 25.2.2015
[9] Online-Bericht „Polanski kann aufatmen – Gericht lehnt Auslieferung ab“, ntv-Bericht vom 27.11.2015
[10] Zeitungsartikel
Roman Polanski accused of sexually assaulting 10-year-old girl in 1975″, The Guardian Artikel vom 23.10.2017