„Thakar Singh“: Kleinkinder mussten stundenlang meditieren

1994 und 1995 wurden zwei Frauen in Bayern wegen Kindesmisshandlung verurteilt, weil ihnen anvertraute Kinder stundenlang meditieren mussten.

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Tatzeit von:


1. Januar 1992
(geschätzt nach Quellenlage)

Tatzeit bis:


31. Dezember 1992
(geschätzt nach Quellenlage)

Urteil/Anlass Datum:


7. März 1995

Stadt:


Gauting

Bundesland/Landstrich:


Bayern

Land:


Deutschland

Ist Rituelle Gewalt in Deutschland strafbar?


Die beiden Frauen erhielten mehrmonatige Haftstrafen [1] wegen § 223 b Abs. 1 STGB (Misshandlung von Schutzbefohlenen.“ Dieser Fall wurde von der Bundesregierung in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage 1998 als Beispiel-Urteil für Rituelle Gewalt eingeordnet. [3]

Den Frauen wurde vorgeworfen, Säuglinge in Gauting bei München gleich nach der Geburt von der Außenwelt abgeschottet zu haben. Die Kinder von Anhängerinnen des indischen Gurus „Thakar Singh“ seien in einem sogenannten „Mutter-Kind-Haus“, einem Meditationszentrum, misshandelt worden. Man habe dort den Babys das rechte Ohr mit einem Silikonstöpsel versiegelt und sie bis zu 19 Stunden vom Schlafen abgehalten. Schon vor der Geburt habe man die Kinder „eingestimmt“, indem die Mütter während der Schwangerschaft intensiv hätten meditieren und heilige Lieder singen müssen. Aufgefallen seien diese Zustände 1992 nach dem Hinweis durch eine Hebamme. [4] Vier Kinder seien vom Jugendamt befreit worden, berichtete der Spiegel. [5]

Eine der beiden Frauen, die bei der Stadt Bayreuth arbeitete und einen Verein zum Aufbau von „spiritueller Erziehung“ gegründet hatte, gab an, mit diesen Taten nichts zu tun gehabt zu haben. Sie warf der anderen Verurteilten, der Leiterin des sogenannten „Mutter-Kind-Hauses“ vor, die Taten verantwortet zu haben. [4]

Die Mutter eines der im „Mutter-Kind-Haus“ lebenden Kinder stieg aus der Sekte aus und berichtete in Interviews über die Methoden und Vorgänge dort. In einem Begleitheft zu einer Filmdokumentation für den Schulunterricht über die „Thakar Singh“ Gruppierung gab sie selbst an, zu zwei Monaten auf Bewährung wegen Kindesmisshandlung verurteilt worden zu sein. „Ich fühle mich schuldig“, wird sie in diesem Begleitheft zitiert. [6]

Ermittlungen gegen den Guru

Unabhängig von diesem Verfahren gegen die beiden Frauen aus Gauting/Bayreuth/Bayern erstatteten, so berichtete der Spiegel, mehrere Frauen weltweit Anzeige gegen den indischen Guru „Sant Thakar Singh“ wegen sexualisierter Misshandlungen. 1993 ermittelten laut Spiegel Behörden in Indien, den USA und Deutschland unter anderem wegen Steuerhinterziehung, Spendenveruntreuung, Kindesmisshandlung, Vergewaltigung und Tötung eines Sektenmitglieds. In einer deutschen Fernsehdokumentation hätten Menschen berichtet, wie der Guru ihnen z.B. mit Hilfe mehrerer Anhängerinnen mehrere Rippen gebrochen habe, schrieb der Spiegel weiter. Und das Nachrichtenmagazin zitierte eine Amerikanerin, die von äußerst gewalttätigen Teufelsaustreibungen durch den Guru berichtet habe. [4] Über den Ausgang dieser Ermittlungen ist uns nichts bekannt. [7]

Quellen:
[1] Das Amtsgericht Starnberg verhängte die Urteile mit den Aktenzeichen 3/Ds 21 Js 3205/93 vom 29.11.1993 und Az 3/Ds Js 29675/94 vom 7.3.1995
[2] Spürck, Reinhard, „Familienrechtliche Konflikte mit „Sekten und Psychokulten“, Broschüre im Auftrag des Ministeriums für Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit NRW, Düsseldorf 1998, S. 49

[3] Kleine Anfrage an die Bundesregierung, Drucksache Nr. 13/11275 vom 13.07.1998
[4] Zeitschriftenartikel im Focus vom 8.3.1993, „Spirituelles aus dem Bayreuther Rathaus“, abgerufen am 16.5.2017
[5] Zeitschriftenartikel im Spiegel Nr. 25/1993 vom 21.6.1993, „Armee Gottes“, abgerufen am 16.5.2017
[6] Begleitheft zum Unterrichtsfilm „Sekten, unauffällig aber allgegenwärtig: Der Skandalguru Thakar Singh“ von Rainer Fromm und Kurt-Helmuth Eimuth, ohne Jahresangabe. Im Heft wird eine Aussteigerin nach dem Gerichtsverfahren zitiert und der Preis des Filmes aber noch in DM angegeben, also stammt er offensichtlich aus der Mitte oder zweiten Hälfte der 1990er Jahre.
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Ist Rituelle Gewalt im Ausland strafbar?


Gegen den Guru „Sant Thakar Singh“ seien Ermittlungsverfahren in den USA, Indien und Deutschland eingeleitet worden, schrieb der Spiegel 1993 [1].

Über den Ausgang dieser Ermittlungsverfahren ist uns nichts bekannt. [2]

Quellen:
[1] Zeitschriftenartikel im Spiegel Nr. 25/1993 vom 21.6.1993, „Armee Gottes“, abgerufen am 16.5.2017
[2] Baustelle: In diesem Fall sind noch viele Fragen offen. Wenn Sie uns unterstützen möchten, klicken Sie hier.


Warum werden die Täter/innen selten gefasst und verurteilt?


In diesem Fall wurden zwei deutsche Anhängerinnen des Sektengurus aus Indien verurteilt. Zur Frage, ob der Guru „Thakar Singh“ selbst je verurteilt wurde, liegt uns keine Information vor. (siehe „Urteile in Deutschland / Ermittlungen gegen den Guru“) [1]

Die Mutter eines der befreiten Kinder berichtete, wie die Leiterin des sogenannten „Mutter Kind-Hauses“ verhindern wollte, dass die Schreie der Kinder von den Nachbarn gehört werden könnten. Außerdem berichtete sie, dass Kinder so lange fest gehalten wurden, bis sie resignierten und aufhörten zu schreien. [2]

Quellen:
[1] Baustelle: In diesem Fall sind noch viele Fragen offen. Wenn Sie uns unterstützen möchten, klicken Sie hier.
[2] Begleitheft zum Unterrichtsfilm „Sekten, unauffällig aber allgegenwärtig: Der Skandalguru Thakar Singh“ von Rainer Fromm und Kurt-Helmuth Eimuth, ohne Jahresangabe. Im Heft wird eine Aussteigerin nach dem Gerichtsverfahren zitiert und der Preis des Filmes aber noch in DM angegeben, also stammt er offensichtlich aus der Mitte oder zweiten Hälfte der 1990er Jahre.

 


Sind Menschen bei Ritueller Gewalt getötet worden?


Es gab den Verdacht einer Tötung gegen den Guru „Sant Thakar Singh“, schrieb der Spiegel 1993.

Im Artikel heißt es, eine deutsche Anhängerin sei 1983 gestorben, es habe ein offenbar gefälschter indischer Totenschein vorgelegen und die Leiche sei nicht auffindbar gewesen. Der Spiegel zitierte zwei Aussteiger aus der Sekte, die dem Guru die Tötung vorgeworfen hätten. Und sie sei nicht die einzige getötete Sektenanhängerin gewesen. [1] Was aus diesen Vorwürfen gegen den Guru geworden ist, ist uns nicht bekannt. [2]

Diese Vorwürfe haben nichts mit dem Urteil gegen die beiden Frauen im Fall Gauting/Bayreuth/Bayern zu tun.

Quellen:
[1] Zeitschriftenartikel im Spiegel Nr. 25/1993 vom 21.6.1993, „Armee Gottes“, abgerufen am 16.5.2017
[2] Baustelle: In diesem Fall sind noch viele Fragen offen. Wenn Sie uns unterstützen möchten, klicken Sie hier.


Sind Kinder an Ritueller Gewalt beteiligt?


Die Kinder im „Mutter-Kind-Haus“ in Gauting waren laut Presseberichterstattung ab dem Säuglingsalter betroffen. [1]

Neben den vier Kindern, die das Jugendamt aus dem Haus befreit habe, schätzte das Landesjugendamt in Bayern 1993, dass „in der Bundesrepublik noch ca. 100 weitere Säuglinge und mehrere 100 weitere Kinder“ in den Fängen der Sekte in Deutschland lebten. [2]

Der Sektenbeauftragte der evangelischen Kirche des Landes Bayern berichtete, in Indien Kinder bis 16 Jahre unter ähnlichen Zuständen vorgefunden zu haben. [3] (Siehe auch „Religiöse und iIdeologische Hintergründe“)

Quellen:
[1] Zeitschriftenartikel im Spiegel Nr. 25/1993 vom 21.6.1993, „Armee Gottes“, abgerufen am 16.5.2017
[2] Rundschreiben des Bayerischen Landesjugendamtes, Aktenzeichen 2 58 20/16/92 vom 10.5.93, zitiert nach Spürck, Reinhard, „Familienrechtliche Konflikte mit „Sekten und Psychokulten“, Broschüre im Auftrag des Ministeriums für Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit NRW, Düsseldorf 1998, S. 49

[3] Zeitschriftenartikel im Focus vom 8.3.1993, „Spirituelles aus dem Bayreuther Rathaus“, abgerufen am 16.5.2017


Woher kommen diese Kinder?


Betroffen waren in Gauting die Kinder von Sektenanhängerinnen. [1], [2]

Quellen:
[1] Zeitschriftenartikel im Focus vom 8.3.1993, „Spirituelles aus dem Bayreuther Rathaus“, abgerufen am 16.5.2017
[2] Begleitheft zum Unterrichtsfilm „Sekten, unauffällig aber allgegenwärtig: Der Skandalguru Thakar Singh“ von Rainer Fromm und Kurt-Helmuth Eimuth, ohne Jahresangabe. Im Heft wird eine Aussteigerin nach dem Gerichtsverfahren zitiert und der Preis des Filmes aber noch in DM angegeben, also stammt er offensichtlich aus der Mitte oder zweiten Hälfte der 1990er Jahre.


Welche Rolle spielt sexualisierte Gewalt?


Gegen den Guru „Sant Thakar Singh“ erhoben laut Nachrichtenmagazin Spiegel mehrere Frauen weltweit Vorwürfe wegen sexueller Misshandlungen. [1]

Diese Vorwürfe haben mit dem Gerichtsverfahren von Gauting und Bayreuth nichts zu tun.

Wie die Ermittlungen wegen sexualisierter Gewalt gegen die Person des Guru ausgegangen sind, ist uns nicht bekannt. [2]

Quellen:
[1] Zeitschriftenartikel im Spiegel Nr. 25/1993 vom 21.6.1993, „Armee Gottes“, abgerufen am 16.5.2017
[2] Baustelle: In diesem Fall sind noch viele Fragen offen. Wenn Sie uns unterstützen möchten, klicken Sie hier.

 


Wer sind die Täter/innen?


Eine der verurteilten Frauen, war Juristin und arbeitete als Ordnungs- und Umweltreferentin bei der Stadt Bayreuth. Die andere, die Leiterin des sogenannten „Mutter-Kind-Hauses“ in Gauting bei München, war Ex-Ehefrau eines bekannten Filmemachers. [1]

Die Ordnungs- und Umweltreferentin gab an, von ihrem Meister „Thakar Singh“ in Indien persönlich beauftragt worden zu sein, sich in Deutschland um die „spirituelle Erziehung“ in seinem Sinne zu kümmern. Sie habe Kindergärten und Schulen einrichten sollen, dazu hatte sie einen Verein gegründet. [1]

Quellen:
[1] Zeitschriftenartikel im Focus vom 8.3.1993, „Spirituelles aus dem Bayreuther Rathaus“, abgerufen am 16.5.2017


Was sagt die Politik?


Das Urteil gegen die beiden Frauen wurde von der Bundesregierung 1998 offiziell als ein Beispiel für Urteile aus den Themenkreis Rituelle Gewalt genannt. [1]

Der Oberbürgermeister der Stadt Bayreuth entzog der Ordnungs- und Umweltreferentin die Leitung des Ordnungsamtes. [2]

Außerdem leitete er eine dienstaufsichtliche Überprüfung gegen sie ein. Und er ließ prüfen, ob auch in der Stadt Bayreuth, nicht nur in Gauting, entsprechende Taten stattgefunden hätten. [3] Über das Ergebnis dieser Überprüfungen ist uns nichts bekannt. [4]

Quellen:
[1] Kleine Anfrage an die Bundesregierung, Drucksache Nr. 13/11275 vom 13.07.1998
[2] Zeitschriftenartikel im Spiegel Nr. 26/1993 vom 28.6.1993, „Der Spiegel berichtete…“, abgerufen am 16.5.2017
[3] Zeitschriftenartikel im Focus vom 8.3.1993, „Spirituelles aus dem Bayreuther Rathaus“, abgerufen am 16.5.2017
[4] Baustelle: In diesem Fall sind noch viele Fragen offen. Wenn Sie uns unterstützen möchten, klicken Sie hier.

 


Religiöse und Ideologische Hintergründe


Die verurteilten Frauen beriefen sich auf die Lehren des indischen Gurus „Thakar Singh“ (der Spiegel schrieb als einzige unserer Quellen „Sant Thakar Singh“ [1]). Laut einem Artikel im Magazin Focus verurteilte dieser die Vernunft und das Leben auf Erden. Alle Signale aus der Außenwelt seien teuflisch, alle Töne und Bilder, alle menschlichen Kontakte. Wer seine Seele auf „Thakar Singh“ ausrichte, könne gerettet werden. [2]

Die Gruppierung trat laut Nachrichtenmagazin Spiegel unter mehreren Namen auf:

  • „Kirpal Ruhani Satsang Society“
  • „Holosophische Gesellschaft“
  • „Lichtheim“

Der deutsche Sitz der Gruppierung sei 1993 in einem Schloss im 130-Seelen-Dorf Oberbrunn im bayerischen Chiemgau gewesen. Sie sei an 60 Orten in Deutschland aktiv und habe 25.000 Mitglieder. Sie spreche vor allem „esoterisch interessierte, gebildete, begüterte Menschen“ an. [1] Aufgrund dieser Angabe haben wir den Fall u.a. der Rubrik „Esoterik“ zugeordnet.

Zur Lehre des Gurus gehöre, so der Spiegel weiter, dass das Verschließen des rechten Ohres und der Augen gegen Krebs, Aids und TBC schütze. 3 Stunden tägliche Meditation sei Pflicht, bis zu 20 würden angestrebt. Mit der Mediation bei Kindern habe man eine „Armee Gottes“, neue Menschen, erschaffen wollen. Auf einem Video seien ausgehungerte und durch Schlafentzug übermüdete Kinder zu sehen gewesen. [1]

Der Sektenbeauftragte der evangelischen Landeskirche in Bayern berichtete in der Presse, er habe eine Einrichtung von „Thakar Singh“ in Delhi besucht und dort 215 Kinder im Alter bis zu 16 Jahren streng bewacht und isoliert von der Außenwelt vorgefunden. Sie hätten dort bis zu 20 Stunden meditieren müssen. [2]

Der Focus veröffentlichte weitere Details zu Inhalt, Ziel und Organisationsform der Sekte. [2]

Mehrere Frauen weltweit warfen dem Guru vor, er habe zwar „Keuschheit“ gepredigt, sie aber selbst sexualisiert misshandelt. [1]

Quellen:
[1] Zeitschriftenartikel im Spiegel Nr. 25/1993 vom 21.6.1993, „Armee Gottes“, abgerufen am 16.5.2017
[2] Zeitschriftenartikel im Focus vom 8.3.1993, „Spirituelles aus dem Bayreuther Rathaus“, abgerufen am 16.5.2017


Mediale Einflüsse und Folgen


Über die Sekte „Thakar Singh“ wurde ein Film für den Schulunterricht zum Themenkreis Sekten für Schüler/innen ab der 7. Klasse produziert.

Darin kommt auch eine Aussteigerin zu Wort. [1]

Quellen:
[1] Begleitheft zum Unterrichtsfilm „Sekten, unauffällig aber allgegenwärtig: Der Skandalguru Thakar Singh“ von Rainer Fromm und Kurt-Helmuth Eimuth, ohne Jahresangabe. Im Heft wird eine Aussteigerin nach dem Gerichtsverfahren zitiert und der Preis des Filmes aber noch in DM angegeben, also stammt er offensichtlich aus der Mitte oder zweiten Hälfte der 1990er Jahre.