Bericht des Niederländischen Justizministeriums, Den Haag 1994, und die Studien zu „Oude Pekela“

Die Arbeitsgruppe Ritueller Missbrauch des niederländischen Justizministeriums in den Haag, Dezernat Staats- und Strafrecht, legte im April 1994 einen Bericht vor. [1] Demnach hat die Arbeitsgruppe mit Personen im Bereich Jugendfürsorge und Polizei gesprochen, einen Forscher in Großbritannien besucht und sich mit Literatur über Rituelle Gewalt beschäftigt. Sie kommt zu dem Schluß, dass es einige Dutzend Personen in den Niederlanden gibt (Kinder und Erwachsene), die berichten, Opfer Ritueller Gewalt geworden zu sein.

Es habe aber bislang keine strafrechtlich nachweisbaren Fälle gegeben. Das Fehlen von entsprechenden Spuren wird auch als Anlass gewertet, dass Zweifel an den Berichten von Aussteiger_innen angebracht sind. Gleichzeitig stellt die Arbeitgruppe aber fest, dass fehlende forensische Beweise kein Beleg dafür sind, dass die berichteten Taten nicht stattgefunden haben. Ferner werde den Opfern oder Therapeut_innen kein böser Wille bei ihren Berichte unterstellt.

Die Arbeitsgruppe plädiert für eine Meldepflicht, wenn Ärzt_innen oder Therapeut_innen begründeten Verdacht auf Fälle Ritueller Gewalt hegen. Weiter bemängelt sie, dass die sachkundigen Polizeidienststellen, die spezifische Kenntnisse und Fertigkeiten bei der Vernehmung von Opfern gesammelt hätten, inzwischen wieder aufgelöst würden. Damit ginge notwendige Sachkenntnis verloren. [2]

Die Vorgeschichte: Oude Pekela und die Studien und Berichte des Ehepaares Jonker

Der Untersuchung voraus ging der Fall aus Oude Pekela, einem niederländischen Dorf zwischen Groningen und der Grenze nach Deutschland (Höhe Leer/Papenburg). Dort waren 1987 Kinder mit seltsamen Verletzungen am After und an den Genitalien bei einem Kinderarzt aufgefallen. Innerhalb kurzer Zeit erzählten 25 Kinder aus dem kleinen Ort davon, dass Erwachsene sie misshandeln würden. Die Kinder waren 3-12 Jahre alt. Sie berichteten von Erwachsenen in Gruppen, die mit ihnen sexuelle Handlungen vollführen und Menschen foltern würden, auch von der Tötung eines schwarzen Babys wurde berichtet. Hinweise der Kinder führten dazu, dass man von satanistischem Missbrauch ausging. [3]

Es wurde eine Sonderkommission der Polizei gegründet und es gab einige Festnahmen. Die Beschuldigten wurden aber mangels Beweisen wieder frei gelassen. Sachbeweise wie Videos oder Fotos wurden nicht gefunden. Nach anderthalb Jahren wurden die Ermittlungen eingestellt. Zu Verurteilungen kam es nie. Aber die Arbeitsgruppe des niederländischen Justizminsteriums, deren Bericht wir oben beschreiben, wurde eingesetzt.

Das Ärzteehepaar Fred und Jette Jonker [4] befragte Eltern betroffener Kinder aus Oude Pekela für zwei Studien, die sie auf mehreren Fachkonferenzen vorstellten, z.B. am Institute of Education of London University [5] oder bei einer Konferenz über Inzest in der Schweiz 1991 [3]. Außerdem veröffentlichten Sie mehrere wissenschaftliche Artikel auf Englisch und Niederländisch [6], die von der Fachwelt kritisiert wurden, z.B. weil die Polizei keine Beweise für die berichteten Taten finden konnte [7].

Zur Methodik: Die Jonkers interviewten die Eltern zweimal, in zeitlichem Abstand und mit unterschiedlichen, weiter entwickelten Fragebögen. Sie stellten in ihren Untersuchungen verschiedene Typen von Rituellem Missbrauch dar und fanden verschiedene Erklärungsmuster, warum die Schilderungen oft nicht geglaubt wurden. Sie erhoben die verschiedenen Arten von Verletzungen und altersuntypischen, womöglich traumatischen Reaktionen der Kinder (z.B. extreme Angst vor Spinnen oder überentwickeltes Sexualverhalten, Zerstörungswut, großes Interesse an Teufeln und Geistern oder dem Tod). Ferner beschrieben sie die Vorgehensweise der Polizei bei ihren Ermittlungen und versuchten, aus den gemachten Fehlern Hinweise für andere Ermittlungsgruppen zu entwickeln. So seien z.B. verschiedene Polizisten in Kontakt mit den selben Kindern gewesen, die Befragungen hätten nicht systematisch stattgefunden, oder es seien keine Experten für Kinder als Zeugen hinzu gezogen worden, weder von polizeilicher noch von psychologischer Seite.

Die Begriffsdefinition mit Erläuterungen des Ehepaares Jonker von 1991 finden Sie hier. Die Artikel und Studienergebnisse haben wir im Internet bislang nicht gefunden. Sollten Sie Fundstellen kennen, freuen wir uns über einen Hinweis. Einige Angaben finden Sie in den Fußnoten unter [3], [6] und [7].

 

Quellen und Anmerkungen:

[1] Die Quelle für diese Information liegt uns als fotokopierter deutscher Text vor. Überschrieben ist sie mit “Bericht der Arbeitsgruppe Ritueller Missbrauch, April 1994, Justizministerium, Dezernat Staats und Strafrecht, Den Haag.” Die Seiten sind durchnummeriert von 1-3, die Übersetzung beginnt aber mit “7. Zusammenfassung und Schlußfolgerungen”, aus denen wir hier zitieren. Offensichtlich hat da also jemand nur die Zusammenfassung aus dem Niederländischen ins Deutsche übersetzt.
[2] Eine ähnliche Entwicklung gibt es auch in Deutschland immer wieder. So gab es z.B. in Bielefeld in den 2000er Jahren eine Umstrukturierung der Polizei, bei der das ehemalig für Sexualdelikte zuständige Kommissariat 11 mit dem Mordermittlungskommissariat zusammen gelegt wurde. Frauenverbände, Opferschutzverbände und Rechtsanwält_innen haben gegen diese Maßnahme öffentlich protestiert, weil die Sachkenntnis und Erfahrung der gut eingearbeiteten Beamt_innen verloren ginge und die Gefahr bestünde, dass Polizeibeamt_innen künftig für aktuelle Mordermittlungen aus einer Ermittlung wegen sexualisierter Gewalt abgezogen werden müssten. Verhindert haben diese Proteste die Zusammenlegung aber nicht.
[3] Die Informationen stammen aus dem Vortrag von Dr. Fred Jonker und Jetje Jonker, gehalten im August 1991 auf der „5. Internationalen Konferenz über Inzest und damit zusammenhängende Probleme – Besondere Schwerpunkte Gewalt, Unterdrückung, Abhängigkeit“ in Biel-Bienne in der Schweiz. Der Vortrag und die Studie liegen uns als Papier-Kopie vor. Wenn Sie Netz-Fundstellen kennen, freuen wir uns über einen Hinweis.
[4] Weder Fred noch Jette Jonker waren diejenigen, bei denen die ersten Kinder aufgefallen sind. Sie wurden nach eigenen Angaben erst als Gutachter/innen hinzugezogen.
[5] Die Veröffentlichungsorte haben wir aus der Englischen Wikipedia übernommen.
[6] Die vollständigen Texte der Jonkers haben wir Online nicht gefunden, aber eine Reihe von Links zu den jeweiligen Verlagen, Inhaltsverzeichnissen und Previews:
https://eric.ed.gov/?id=EJ429991
http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/014521349190064K?via%3Dihub
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/2043971
Jonker F & Jonker-Bakker I (1994). „Onderzoek in Oude Pekela“. Maandblad Geestelijke volksgezondheid. 49 (3): 251–276. (Angabe unter [5], keine Verlinkung)
[7] Ein niederländischer Artikel, den wir nicht lesen konnten, ist online zu finden:
– Beetstra, T A (2004). „Massahysterie in de Verenigde Staten en Nederland: De affaire rond de McMartin Pre-School en het ontuchtschandaal in Oude Pekela“ (PDF). In Burger P; Koetsenruijter W. Mediahypes en moderne sagen: Sterke verhalen in het nieuws (in Dutch). Leiden, Stichting Neerlandistiek Leiden. pp. 53–69.

Ansonsten haben wir auch die vollständigen Texte der Kritiker/innen meistens Online nicht gefunden, aber eine Reihe von Links zu den jeweiligen Verlagen, Inhaltsverzeichnissen und Previews:
Merckelbach HLGJ & Crombag HFM (1996). Hervonden herinneringen en andere misverstanden. Contact, Amsterdam/Antwerpen Contact. pp. 183–186. (Angabe unter [5], keine Verlinkung)
Wessel, I; Merckelbach HLGJ (1994). „Onderzoek in Oude Pekela (2)“. Maandblad Geestelijke volksgezondheid. 49 (5): 554–6. (Angabe unter [5], keine Verlinkung)
https://eric.ed.gov/?id=EJ429989
http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/014521349190062I?via%3Dihub