Deutscher Sektenführer entzieht sich einem Gerichtsprozess, taucht unter und wird ermordet

Im September 2016 wurde der deutsche Sektenführer Arno W. am Strand von Uruguay ermordet aufgefunden. Er war angeklagt, in seiner Sekte Kinder vergewaltigt zu haben. Bevor er nach Deutschland ausgeliefert werden konnte, wurde er umgebracht. Weil es deshalb zu keinem Urteil kam, ist dieser Fall nicht in unserer üblichen Fälle-Form aufgelistet, sondern wird hier in einem Fließtext beschrieben. Bitte suchen Sie sich die Stellen heraus, die für Sie von Bedeutung sind.

Was war passiert?

Arno W. war Sektenführer einer esoterischen Gruppierung, die sich „Lichtoase“ oder „Ramtha“ nannte (Nicht zu verwechseln mit dem Ramtha-Kult der Judith Knight [1]).

Seine Lebensgefährtin Julie R., die als „sein Medium“ auftrat, soll ihn dabei unterstützt haben.

2001 erstattete die Schweizerin Lea Saskia Laasner wegen Vergewaltigung und sexualisierter Gewalt gegen Kinder Anzeige gegen ihn, nachdem sie aus der Sekte fliehen konnte. Sie veröffentlichte 2005 ein Buch über ihre Kindheit in dieser Gruppierung. [2]

2006 eröffnete die Staatsanwaltschaft Detmold ein Gerichtsverfahren gegen Arno W. und seine Lebensgefährtin Julie R. [3]. Die beiden flohen Anfang 2007 nach Uruguay, wurden dort 2015 verhaftet [4], [5], aber nicht ausgeliefert. 2016 wurde Arno W. ermordet an einem Strand gefunden. Zu diesem Zeitpunkt war er 61 Jahre alt. [6]

Nach seiner Lebensgefährtin Julie R. wird noch gefahndet aufgrund des Auslieferungsersuchens aus Deutschland, das 2015 gestellt wurde. Ob die Behörden in Uruguay sie auch wegen Mordes an Arno W. verdächtigen, ist der Staatsanwaltschaft in Detmold nicht bekannt. (Stand Mai 2017, [7])

Warum werden die Täter/innen selten gefasst und verurteilt?

Die Beweislage gegen Arno W. wurde 2006 offensichtlich von der Detmolder Staatsanwaltschaft für ausreichend befunden, um Anklage gegen ihn zu erheben. Durch die Flucht entzog er sich dem Verfahren und floh nach Uruguay. Dort wurde er ermordet, deshalb kam es zu keinem Prozess und keinem Urteil. [6]

Die meisten Sektenmitglieder zeigten ihn nicht an. Die Buchautorin Lea Saskia Laasner erhebt z.B. auch Vorwürfe gegen ihre eigenen Eltern. Sie sollen sie dem Einfluss und Zugriff von Arno W. ausgesetzt haben, ohne sie zu schützen. [8] Laut BKA finanzierten die Sektenmitglieder auch das Anwesen, auf dem er in Uruguay lebte, als er 2015 verhaftet wurde. [4]

Die Ermittlungen gegen Arno W. und seine Lebensgefährtin Julie R. wurden dadurch erschwert, dass er weltweit reiste und sich und seine Sekte immer wieder neu in Europa, Süd- und Mittelamerika ansiedelte. Veränderte Namen, verschiedene Justizsysteme und Zuständigkeiten von Behörden sind für viele Täter/innen ein großer Schutz.

Einige Stationen:

  • Als er noch Baghwan-Jünger war, lebte Arno W. in England und Indien. [8]
  • 1994 soll er die Buchautorin Lea Saskia Laasner im Urwald von Belize misshandelt haben, wo er mit rund 50 Mitgliedern auf einer Ranch lebte. [6] Andere Quellen schreiben, die Misshandlungen von Frau Laasner hätten in einem Ferienort in Portugal an der Algarveküste stattgefunden, wo die Sekte damals lebte. Erst danach sei die „Licht-Oase“ nach Belize umgezogen. [8] Wieder andere schreiben, die Sekte sei schon seit 1992 in Belize gewesen, und die Misshandlungen hätten in Bayern und Portugal stattgefunden. [9] Exakt ist dies vielleicht im Buch von Frau Laasner nachzulesen, dieses liegt uns aber derzeit noch nicht vor.
  • Als Lea Saskia Laasner ihr Buch veröffentlichte, ermittelte noch die Züricher Polizei. Weil Arno W. zu der Zeit in Oerlinghausen bei Bielefeld lebte, gaben die Schweizer die Ermittlungen an die deutschen Justizbehörden ab. [5]
  • Im April 2007, vier Tage vor Prozessbeginn, tauchten Arno W. und Julie R. unter. Anfangs sollen sie im südamerikanischen Surinam gelebt haben [5].
  • Später führte ihre Flucht sie nach Uruguay. Dort kauften sie ein Landgut für umgerechnet 360.000 Euro, schrieb die Hamburger Morgenpost. [6] Laut BKA stammte das Geld von seinen Anhängern. [4] Arno W. soll dort mit gefälschten Papieren gelebt und seine Sekte „Lichtoase“ wieder aufgebaut haben. [6], [5]
  • 2015 kamen ihm Deutsche Zielfahnder auf die Spur und er wurde festgenommen. [4] Uruguay weigerte sich aber, ihn auszuliefern, weil seine Taten nach dortigem Recht verjährt seien, schrieb die Hamburger Morgenpost. [6] Die Zeitung „El Pais“ aus Uruguay hingegen waren seine fehlenden Ausweispapiere der Grund dafür, dass er nicht ausgeliefert wurde. [10]
  • 2016 wurde er an einem Strand in Uruguay ermordet aufgefunden. [6] Julie R. wird seitdem vermisst. Die Polizei in Uruguay schließt einen Racheakt von Sektenanhängern nicht aus. [10]

Sind Menschen bei Ritueller Gewalt getötet worden?

Als die Leiche von Sektenführer Arno W. am Strand von La Floresta in Uruguay gefunden wurde, hatte er eine Plastiktüte über dem Kopf, seine Füße waren gefesselt und ihm wurden Handschellen angelegt. [6]

Sind Kinder an Ritueller Gewalt beteiligt?

Zwischen Frühjahr und November 1994 soll der Arno W. die damals 13jährige Lea Saskia Laasner mehrfach vergewaltigt und sexuell misshandelt haben, warf die Detmolder Staatsanwaltschaft Arno W. und seiner Lebensgefährtin Julie R. vor. Als Frau Laasner 2001 fliehen konnte und Anzeige erstattete, war sie 21 Jahre alt. [6]

Laut Presseangaben schreibt Lea Saskia Laasner in ihrem Buch, dass sie mit ihren Eltern in der Schweiz gelebt habe, bevor sich ihr Vater mit der gesamten Familie der Sekte anschloss. [2] Auch ihr Bruder soll von Sektenmitgliedern sexuell misshandelt worden sein. [5]

Sexualisierte Gewalt in Ritualen

Sexuelle Übergriffe und die Vergewaltigung von Kindern begründeten Arno W. und seine Lebensgefährtin nach Aussagen von ehemaligen Sektenmitgliedern mit der „Prüfung des spirituellen Wachstums“ ihrer Opfer. [6]

Die Lebensgefährtin von Arno W., Julie R., soll Beihilfe bei den sexuellen Misshandlungen geleistet haben, indem sie den Kindern erklärte, dass sexuelle Handlungen zwischen Kindern und Erwachsenen „geboten“ seien, um der Gottheit „Ramtha“ [1] zu dienen. [8] Außerdem soll sie nach Zeitungsangaben bei den Taten zugeschaut oder selbst den Bruder von Lea Saskia Laasner sexuell misshandelt haben. [5]

Religiöse/ideologische Hintergründe

Die Gruppierung des Arno W. trat unter mehreren Namen auf.

  • Ramtha (Nicht zu verwechseln mit dem Ramtha-Kult der Judith Knight [1])
  • „Licht-Oase“ oder „Lichtoase“
  • „Janus Foundation“
  • „Rannariedl“ [8]
  • „Maghan“ [11]

Nähere Details zur Einordnung der Sekte finden Sie auf der Webseite der „Aufklärungsgruppe Krokodil“. Arno W.s Lebensgefährtin Julie R. soll als sein Medium aufgetreten sein. [9] Die Webseite der AGPF ordnet den „Ramtha-Kult“ dem Gnostizismus zu. [11]

Seine Wurzeln hatte Arno W.s Sekte in der Baghwan-Bewegung, so wird der Schweizer Sektenexperte Hugo Stamm zitiert. Für Baghwan-Jünger/innen war „freie Sexualität“ der Weg zur Erleuchtung. [12]

Die Buchautorin Lea Saskia Laasner schrieb, dass ihr Vater, ein erfolgreicher Architekt in der Schweiz, der Sekte von Arno W. sein Millionenvermögen überschrieben habe, weil sie versprach, „den Körper in Licht umzuwandeln“ und persönliches Eigentum untersagte. [8] In ihrem Buch schildert Lea Saskia Laasner, wie sie fast zehn Jahre lang ohne Schulunterricht und Kontakt zur Außenwelt gelebt hat und gemeinsam mit anderen Sektenmitgliedern Manipulationen und Ritualen ausgesetzt war. [8] Neben Lea Sasika Laasner berichtet auch Katharina Meredith z.B. in ihrem Internet-Blog von ihrer Kindheit in Arno W.s Sekte. In einem ihrer Artikel erwähnt sie, sie habe als Kind im Dschungel eine Zeitmaschine bauen müssen. [13]

Während der Zeit, als Arno W. und Julie R. in Uruguay untergetaucht waren, seien sie immer noch von ihren Sektenmitgliedern unterstützt und geschützt worden, berichtet der Schweizer Tagesanzeiger. [5] Dies deckt sich mit den Ermittlungen des BKA. [4] Weiter vermutet die Zeitung, dass auch die Mutter von Lea Saskia Laasner noch zu diesen Unterstützer/innen gehöre oder gehört habe. [5]

Mediale Einflüsse und Folgen

2005 veröffentlichte Lea Saskia Laasner mit Hilfe des Schweizer Sektenexperten Hugo Stamm eine Autobiografie, in der sie die Sektenaktivitäten und Straftaten beschrieb. [2] Für ihr mutiges Auftreten in der Öffentlichkeit erhielt sie 2005 den Prix Courage. [5]

 

 

Quellen:
[1] Die Wortmarke „Ramtha“ Ist beim Deutschen Patent- und Markenamt unter der Registernummer 30533358 anmeldet am 08.06.2005 und eingetragen am 26.01.2006 für die Inhaberin Judy Z. Knight. Frau Knight distanzierte sich ausdrücklich von Arno W. und Julie R. (Quelle: Internetseite der Aufklärungsgruppe Krokodil, abgerufen am 15.5.2017) [9] Der Oberste Gerichtshof Österreichs hatte Julie R. verboten, den Begriff „Ramtha“ im „geschäftlichen Verkehr“ zu benutzen. Lea Saskia Laasner hatte in ihrem Buch [2] über diesen Rechtsstreit berichtet und darüber, dass ihr Guru „Ramtha“ zeitweilig auch in „Maghan“ umbenannt hatte, wie Julie R. auch im Prozess in Österreich ausgesagt hatte. (Quelle: Webseite der AGPF – Aktion für Geistige und Psychische Freiheit Bundesverband Sekten- und Psychomarktberatung e.V., abgerufen am 15.5.2017)
[2] Buch von Lea Saskia Laasner, „Allein gegen die Seelenfänger: Meine Kindheit in einer Psycho-Sekte“, Eichborn-Verlag Frankfurt/Main 2005, geschrieben mit Unterstützung des Schweizer Sektenexperten Hugo Stamm. ISBN 3-8218-5619-X

[3] Die „Aufklärungsgruppe Krokodil“ [9] veröffentlichte das Aktenzeichen dieses Verfahrens: 4 KLs 22 Js 1231/05
[4] Pressemitteilung des Bundeskriminalamtes vom 2.7.2015, „Zielfahndungserfolg des Bundeskriminalamtes – Festnahme von zwei deutschen Staatsangehörigen in Uruguay“, abgerufen am 15.5.2017
[5] Artikel im Tagesanzeiger.ch vom 3.7.2015, „Laasners Peiniger nach acht Jahren Flucht festgenommen“, abgerufen am 15.5.2017
[6] Artikel in der Hamburger Morgenpost vom 1.9.2016, „Grausiges Ende für Arno W.“, abgerufen am 15.5.2017
[7] Telefonische Auskunft und Mailkontakt mit der Staatsanwaltschaft Detmold, 15.5.2017 und 18.5.2017
[8] Zeitungsartikel Neue Westfälische vom 14.6.2006, „Opfer eines Seelenfängers“
[9] Online-Artikel von Jörg Stolzenberger auf der Webseite der „Aufklärungsgruppe Krokodil“ vom 16.10.2015, „Sektenführer der Ramtha-Gruppe Lichtoase … wird nicht ausgeliefert“, abgerufen am 15.5.2017
[10] Artikel in der Zeitung „El Pais“ aus Uruguay vom 7.9.2016, Quién es quién en la secta Oasis de Luz“, abgerufen am 28.6.2017, übersetzt von einem Redaktionsmitglied
[11] Webseite der AGFP-Aktion für Geistige und Psychische Freiheit Bundesverband Sekten- und Psychomarktberatung e.V., „Der Ramtha-Kult“, zuletzt bearbeitet am 29.5.21012, abgerufen am 15.5.2017

[12] Zeitungsartikel Neuen Westfälische vom 21.6.2017, „Bei Baghwan gelernt“
[13] Autorinnenseite von Katharina Meredith auf der Internetseite www.religion.ch