Wir werden immer wieder angeschrieben und gefragt, warum es zum Namen Jeffrey Epstein im Infoportal keinen Artikel gibt, nachdem Ende 2025 und Anfang 2026 das US-Justizministerium eine umfangreiche Sammlung von Dokumenten, Bildern und Videos über das Netzwerk rund um den verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein veröffentlichte. Die Antwort: Weil es sich nach bisherigen Erkenntnissen um offenbar organisierte, aber nicht Rituelle Gewalt handelt. Aber weil offenbar immer wieder in unserem Portal danach gesucht wird, möchten wir nun mit diesem Text unsere Gedanken dazu veröffentlichen.
Warum ist es keine Rituelle Gewalt?
Uns liegen keinerlei Erkenntnisse oder Hinweise vor, die begründen könnten, dass irgendeine Religion oder Ideologie Epsteins oder seiner Mittäter*innen bei den Taten eine Rolle gespielt hätte, die Täter*innen verbunden hätte oder ähnliches. Damit fehlt das entscheidende Kriterium, damit statt organisierter Gewalt das Wort Rituelle Gewalt verwendet wird: Der ideologische/religiöse Kontext der Taten ist nicht vorhanden.
Sollten Sie hierzu andere Erkenntnisse haben, melden Sie sich gern bei uns.
Was macht den Fall Epstein so besonders?
Dass Jeffrey Epstein vielfach Gewalt gegen minderjährige Frauen ausgeübt hat, war dem FBI in Florida bereits Anfang der 2000er Jahre bekannt. Auch, dass daran mehrere mehr oder weniger berühmte andere Menschen beteiligt waren oder zumindest Bescheid wussten. 2007 stand Epstein für Gewalt gegen minderjährige Frauen vor Gericht und erzielte eine Einigung mit der Staatsanwaltschaft. Er bekannte sich schuldig wegen Anstiftung zur Prostitution und wurde zu einer Haftstrafe von 18 Monaten verurteilt. Nach 12 Monaten wurde er auf Bewährung entlassen. [1]
2019 stand er ein zweites Mal wegen Menschenhandel und Zwangsprostitution vor Gericht, diesmal in New York. Der Vorwurf lautete „Sex trafficking conspiracy“, also hat die US-Justiz ihn nicht als Einzeltäter gesehen, sondern bereits eine Gruppentat (conspiracy heißt Verschwörung/Zusammenschluss) angeklagt. Epstein wurde verhaftet und angeklagt, starb aber im August 2019 in der Untersuchungshaft. [1] In diesem zweiten Verfahren kam es also zu keinem weiteren Urteil gegen ihn.
Dass der Fall nicht wie viele andere Fälle von Menschenhandel und organisierter Ausbeutung schnell wieder vergessen wurde, liegt an der Prominenz der Beteiligten. Zu Epsteins Freunden oder guten Bekannten gehörten viele US-Politiker wie Donald Trump oder Bill Clinton, der Englische Prinz Andrew, Filmstars, Konzernchefs – Epsteins Partys füllten über Jahre die Klatschseiten der Boulevardpresse, und schon vor der Veröffentlichung des US-Justizministeriums kursierten Fotos von ihm, prominenten Menschen und jungen Frauen.
Damit ist die „Fallhöhe“ von Menschen, die womöglich in die Ausbeutung der jungen Frauen involviert waren, extrem hoch. Nicht zuletzt machte Donald Trump die Veröffentlichung der Epstein-Akten zu einem zentralen Wahlkampfthema in seiner Präsidentschaftskandidatur.
„Jetzt kommt endlich alles raus!“
Als die Original-Dokumente zum Jahreswechsel 2025/2026 veröffentlicht und durchsuchbar ins Internet gestellt wurden, setzte ein weltweites „Jagdfieber“ ein. Insbesondere auf youtube, Instagram und Tiktok häuften sich Videos von angeblichen Rechercheergebnissen, irgendwelchen Zufallsfunden und Skandal-Details, veröffentlicht von Influencer*innen oder einfachen Nutzenden dieser Netzwerke. Aber auch Ermittlungsbehörden weltweit sowie Journalistinnen und Journalisten gruben sich tief in diese Akten ein.
Hauptsächlich waren sie auf der Suche nach prominenten Namen. In manchen Ländern mussten Politiker zurücktreten, Königshäuser gerieten unter Druck. Viele Details zu den weltweiten Konsequenzen, Rücktritten und Anklagen werden z. B. bei Wikipedia gesammelt [1].
Außerdem kursierten in kürzester Zeit Fake-Screenshots oder -Videos von angeblichen Funden in den Akten, die einer Überprüfung nicht standhielten. Recherchen in den Epstein-Akten wurden für alle möglichen Zwecke instrumentalisiert.
Die meisten Social Media-Beiträge, die wir als Redaktion wahrgenommen haben, und auch einige der Zuschriften, die uns direkt erreichten, hatten die Grundhaltung „Jetzt kommt endlich alles raus!“ und „Gut, dass den Betroffenen jetzt endlich zugehört wird!“ Dazu möchten wir ein paar Anmerkungen machen:
1. Die wenigsten Erkenntnisse sind neu.
Berichte über das Netzwerk, mögliche Beteiligte und die sexualisierte Gewalt in diesen Kreisen um Jeffrey Epstein gibt es wie gesagt seit Anfang der 2000er Jahre. Die veröffentlichen Akten machen es anschaulich, beweisen aber nur bedingt konkrete Straftaten. Meist ist die Aussage nur, dass Epstein mit Person X Kontakt hatte. Der Tatkomplex rund um Jeffrey Epstein belegt, dass in Netzwerken, die auf Macht und Geld basieren, Frauen als Trophäen misshandelt und ausgebeutet werden, und dass solche Gewalt also vor Prominenten-Kreisen nicht halt macht. Im Gegenteil: Dass auch die Anwesenheit Dutzender Kameras auf Promi-Partys nicht dafür sorgt, dass jemand aufmerksam wird und anprangert, dass etwas nicht mit rechten Dingen zugeht.
Was bei der Suche nach konkreten Personen in den Akten nun völlig auf der Strecke bleibt, ist die Frage nach der Stuktur und den Hintergründen, aus denen wir für andere Ermittlungen lernen könnten. Also z. B., wie solche Netzwerke funktionieren, warum es nicht viel deutlichere Hinweise an die Ermittlungsbehörden gab und warum sich das „System Epstein“ so lange halten konnte.
2. Betroffene werden weder „erhört“ noch unterstützt
Es waren nicht die Betroffenen, die die Akten veröffentlicht haben, sondern das US-Justizministerium. Dieses ist Teil der aktuellen Trump-Regierung, deren Präsident selbst zu Epsteins Bekanntenkreis gehört hat und der deshalb unter Druck geraten ist.
Im Gegenteil, das US-Justizministerium hat die Namen der Betroffenen in den Epstein-Files teilweise nicht geschwärzt und geschützt. Das Wall Street Journal (Bezahl-Link im Wikipedia-Artikel [1]) veröffentlichte eine Recherche, nach der die vollständigen Namen von mindestens 43 Epstein-Opfern ungeschwärzt offengelegt wurden. Äußerst gewalttätige oder entwürdigende Fotos von Frauen, teilweise jugendlichen Alters, sind in den Akten weltweit verfügbar und erneuern die digitale Gewalterfahrung für die Betroffenen. Mehr noch: Der ständige Ruf nach den Namen der Täter setzt viele Betroffene auch anderer organisierter Gewalt-Komplexe unter Druck, Namen zu nennen, auch wenn sie dies aus verschiedenen Gründen nicht können oder wollen.
Damit sind die Epstein-Files aus Sicht der Infoportal-Redaktion ein weiterer Akt in der Ausübung bestehender Machtverhältnisse.
Es ist irreführend, dies als Beispiel dafür zu nehmen, wie Aufarbeitung und anerkennender sensibler Umgang mit Betroffenen von sexualisierter Gewalt aussehen sollte.
Dass auch Prominente in Fällen Ritueller Gewalt beteiligt sind, wird von Betroffenen Ritueller Gewalt schon lange berichtet. Es wird ihnen aber meist als Beleg für besondere Unglaubhaftigkeit ausgelegt – oder es wird ihnen sogar ausdrücklich davon abgeraten, die prominenten Namen überhaupt zu erwähnen, um ihre Glaubhaftigkeit nicht zu gefährden. Ob sich daran durch die Enthüllungen im Fall Epstein etwas ändert, bleibt abzuwarten.
Update Juni 2026: ZDF-Berichterstattung über verschwundene Deutsche
Im Juni 2026 veröffentlichte die Redaktion „ZDF – die spur“ einen Bericht über eine junge Deutsche, deren Namen sie ungeschwärzt in den Epstein-Akten gefunden haben. [2] Die Redaktion recherchieret, dass eine junge Frau mit diesem Namen seit 2015 vermisst wird. Sie hatte vor ihrem Verschwinden mit einem Model-Scout Kontakt, der Epstein junge Frauen angeboten hat, berichtet die Familie.
Die Familie hatte das Verschwinden der damals 22jährigen auch angezeigt, aber die Polizei fand sie nicht. Ein Ermittlungsverfahren wurde zum Zeitpunkt der Erstausstrahlung des Berichtes im Juni 2026 noch nicht eröffnet, denn als die junge Frau verschwand, war sie volljährig und hatte das Recht, unterzutauchen.
Als die Redaktion nun den Namen der jungen Frau in den Epstein-Akten fand und die Polizei darauf aufmerksam machte, hieß es, die Staatsanwaltschaft werde nun, nach den Hinweisen der Journalist*innen, die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens prüfen.
In Frankreich, so das ZDF, bündelt die Pariser Staatsanwaltschaft schon länger die Hinweise auf französische Bezüge im Epstein-Komplex. Bei dieser Anlaufstelle hätten sich bislang 20 mutmaßliche Opfer von Epstein gemeldet. In Deutschland gibt es eine solche zentrale Anlaufstelle nicht. Der grüne Bundestagsabgeordnete Konstantin von Notz, der auch die Geheimdienstarbeit politisch begleitet, fordert schon lange, dass die hiesige Polizei aktiver nach deutschen Bezügen in den Epstein-Akten suchen soll.
Quellen:
[1] Wikipedia-Artikel „Epstein-Akten“, abgerufen am 23.6.2026 [Link zum Internet-Archiv]
[2] ZDF-Recherche 10.6.2026, „Vermisste junge Deutsche in Epstein-Files“, abgerufen am 23.6.2026 [Link zum Internet-Archiv]