Eine Chance für Ermittlungen? Betroffener würde seine Folterbilder zur Verfügung stellen

Bei Ermittlungen gegen sexualisierte Kindesmisshandlungen im Internet (sogenannte „Kinderpornografie“ [1]) stehen deutsche Polizist.innen vor einem Dilemma: Sie könnten deutlich effektiver ermitteln, wenn sie die entsprechenden Foren im Internet und im Darknet unterwandern könnten, so wie es z.B. in Australien gelungen ist. Als „Eintrittskarte“ in solche Gruppen werden Ermittler.innen aber von den Täter.innen aufgefordert, selbst Bilder von sexualisierten Kindesmisshandlungen hochzuladen. Da die deutsche Polizei das nicht darf, kommen solche Ermittlungen nur schleppend voran.

Im Frühjahr 2018 wurden Überlegungen laut in Hessen, Rheinland-Pfalz und Bayern [2], ob sich Ermittler.innen mit realistischen, computergenerierten Folterbildern, für die also kein Kind leiden muss, Zutritt zu solchen Foren verschaffen sollten. „Warum so viel Umstand?“, fragt Ingo Fock vom Verein „Gegen Missbrauch e.V.“. „Ich wäre bereit, die echten Bilder, die die Täter als Kind von mir gemacht haben, für solche Ermittlungen zur Verfügung zu stellen.“

Mit diesem provokanten Angebot äußerte er sich Anfang Mai 2018 bei Stern TV [3]. Wir haben Ingo Fock aktuell dazu interviewt.

Herr Fock, Sie waren als Kind selbst Opfer von sexualisierter Gewalt – würden Sie Ihre Erlebnisse als Rituelle Gewalt bezeichnen?

Nein. Ich wurde misshandelt und am Bahnhof Zoo in Berlin an andere Männer „verkauft“ von einem Mitglied der Alternativen Liste, also einer Vorgängerorganisation der GRÜNEN. Deren damalige Rechtfertigung sexualisierter Gewalt an Kindern kann man als ideologischen Hintergrund bezeichnen, aber Rituelle Gewalt im eigentlichen Sinne war das nicht.

Woher wissen Sie, dass Bilder von Ihnen in Internetforen von Täter.innen kursieren?

Ich wusste ja, sie haben mich irgendwann fotografiert, also habe ich mich natürlich gefragt, was haben sie mit diesen Bildern gemacht? Ich habe sehr früh angefangen, diese Bilder im Netz zu suchen. Damals war die Polizei noch nicht so fit wie heute. Ich wusste auch damals schon, dass ich mich damit strafbar mache, aber das ist längst verjährt. Ich brauchte einfach Gewissheit darüber, ob es Bilder von mir in diesen Foren gibt. Ich wollte wissen, ob mein Missbrauch nach wie vor angeschaut wird, dieses Wissen brauchte ich für meinen eigenen therapeutischen Prozess.

Wie viele Bilder haben Sie von sich selbst gesehen?

Ich habe von mir vier Bilder gesehen, und das hat mir gereicht, weil damit die Frage, ob es diese Bilder im Netz gibt, ja beantwortet war. Mehr brauchte ich nicht. Es war klar, ich muss mich damit auseinander setzen, dass mein Missbrauch wahrscheinlich bis zum Ende des Internets verfügbar sein wird und die Bilder benutzt werden.

Sie haben nun angeboten, der Polizei diese Bilder vielleicht für Ermittlungen zur Verfügung zu stellen. Warum?

„Das Netz vergisst nie“, heißt es immer, und wenn die Bilder sowieso im Internet gehandelt werden, dann können sie doch auch vielleicht etwas Gutes bewirken, indem sie helfen, die Konsument.innen solcher Bilder und die, die damit Geld verdienen, zu verhaften und zu verurteilen. Anders kommt die Polizei ja in solche Foren nicht hinein.

Unter welchen Bedingungen würden Sie Ihre Bilder zur Verfügung stellen?

Man muss das natürlich rechtlich noch regeln. Es müsste natürlich straffrei bleiben, wenn Betroffene ihre Bilder an die Polizei weiter geben. Zweitens müsste ich das Recht bekommen, die Erlaubnis, dass die Bilder verwendet werden, auch wieder zurück zu ziehen, wenn ich merke, mir geht es doch nicht so gut damit.

Weitere Bedingungen würde ich persönlich erst mal nicht stellen, aber andere Betroffene vielleicht. Ich sehe mein öffentliches Angebot als Anstoß, über so eine Regelung zu diskutieren. Andere Betroffene bringen vielleicht noch ganz neue Ideen mit in die Debatte mit ein, das muss man sehen.

Haben Sie schon Rückmeldungen von anderen Betroffenen bekommen?

Ja natürlich, ich habe angefangen, das mit anderen zu diskutieren und bis jetzt ist die Resonanz ganz positiv. Es ist selbstverständlich die Entscheidung jeder einzelnen Person, ob sie der Polizei ihre Bilder zur Verfügung stellen würde. Da darf kein Druck ausgeübt werden, sondern das muss auf jeden Fall ein freiwilliger Prozess sein. Aber es gibt bereits einige, die sich das vorstellen können.

Wie kommen den Betroffene an die Bilder ihrer eigenen Misshandlungen?

Das ist ein ganz wichtiger Punkt und das bringt mich zu meiner zweiten Forderung: Wir brauchen Ansprechpartner.innen bei den Ermittlungsbehörden!

Ich empfehle ausdrücklich niemandem, der oder die sexualisierte Gewalt erlebt hat, selbst nach eigenen Bildern zu suchen. Nicht nur, weil man sich strafbar macht, sondern auch, weil das heute sehr viel schwieriger ist als früher und weil natürlich auch große Retraumatisierungsgefahr besteht.

Wir brauchen bei der Justiz, bei der Polizei oder bei einer neutralen Stelle (wie z.B. in den USA) eine Stelle, bei der Betroffene nachfragen können, ob ihre Bilder bereits im Netz aufgetaucht sind. Man kann dann Kinderfotos von sich und teilweise auch Fotos als erwachsene Person nehmen und Gesichtserkennungsprogramme darüber laufen lassen. Die Gesichtserkennung ist heute sehr weit, ein Bildabgleich sollte solche Aussagen in Einzelfällen möglich machen.

Es ist für den therapeutischen Kontext von Betroffenen sehr wichtig, diese Information zu bekommen – wenn sie es wollen. Das wäre eine große Chance für die Aufarbeitung für viele Menschen. Solange ich mich immer wieder frage „Ist mein Missbrauch im Netz oder ist er nicht im Netz?“, mache ich mich selbst irre. Ein „Ja“ oder „Nein“ einer solchen Stelle würde wirklich helfen.

Solche Bilder aus dem Netz zu löschen macht ja keinen Sinn, oder?

Naja, es gibt ein sehr cooles Projekt „Arachnid“ aus Kanada, das auch im Darknet funktioniert. Das ist ein sogenannter „Web-Crawler“, also ein Programm, das Seiten mit Missbrauchsabbildungen im Netz identifiziert und dann eine Löschung bei den Behörden beantragt. Und ich kann mir nur wünschen, dass Deutschland sich dieses Projekt so bald wie möglich mal anschaut und für Deutschland adaptiert. „Arachnid“ löscht natürlich nur die Bilder auf Servern, nicht die Bilder, die Täter.innen schon auf ihre privaten Rechner runter geladen haben. Aber wenn man diesen Kram löscht, erhöht man den Ermittlungsdruck und kann vielleicht auch verhindern, dass immer wieder neue Seiten entstehen. Die Täter.innen fühlen sich im Internet zu sicher, das muss aufhören!

Gibt es schon Rückmeldungen von den Ermittlungsbehörden?

Die hessische Justizminsterin Eva Kühne-Hörmann hat gestern bei Stern TV (Link) gesagt, sie findet meinen Vorschlag interessant und sie sieht auf den ersten Blick keine großen juristischen Hürden.

Ich bin als Betroffener darauf abgebildet und habe ein Persönlichkeitsrecht an meinem eigenen Bild. Und die anderen Menschen, die darauf abgebildet sind, und die Fotograf.innen/Filmer.innen sind Straftäter.innen. Bilder von sexualisierter Gewalt an Kindern sind eine Dokumentation von Straftaten, keine „Pornografie“.

Und haben Sie Argumente gegen den Vorschlag, dass die Polizei sich mit virtuellen, computergenerierten Bildern von sexualisierter Gewalt gegen Kinder Zutritt zu diesen Foren verschafft?

Es gibt zwei Argumente aus meiner Sicht. Zum einen stellt die Polizei damit neues, frisches Material von sexualisierter Gewalt her und das feuert den Markt in gewisser Weise an. Und zweitens besteht die Gefahr, dass eines dieser „Computer-Kinder“ plötzlich einem realen Menschen sehr ähnlich sieht, und dieser Mensch irgendwann damit konfrontiert wird. Dann denkt er, seine Bilder seien im Netz, obwohl ihm oder ihr eigentlich nie etwas zugestoßen ist. Das Risiko können wir vermeiden, wenn die Polizei von Betroffenen frei gegebene, echte Bilder verwendet.

Wenn jemand diese Idee unterstützen und vielleicht seine eigene Bilder frei geben möchte, was würden Sie raten?

Es gibt ja noch keine Stelle, bei der man sich melden kann. Wichtig ist erst mal, dass Menschen anfangen, darüber zu diskutieren. Wer etwas tun will, kann sich gerne an dieser Diskussion beteiligen, gerne auch mit Kritik und Bedenken. Vielleicht können wir als Betroffene ein gemeinsames Konzept entwickeln, wie so etwas umsetzbar wäre. Ich werde auf jeden Fall meine Kontakte nach Berlin oder auch zur hessischen Justizministerin nach der Stern TV nutzen, um diese Diskussion weiter fortzusetzen.

Ingo Fock ist Vorsitzender des Vereins „Gegen Missbrauch e.V.“ und Mitglied im Beirat des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM)

Anmerkungen/Quellen:
[1]  Warum wir den Begriff „Kinderpornografie“ lieber vermeiden, können Sie in unseren Begriffserklärungen nachschlagen.
[2] Quelle: Stern TV Sendung vom 2.5.2019, Warum Ermittler gegen Kinderpornografie zu fiktiven Tätern werden müssten“, abgerufen am 4.5.2018
[3] Der Link zur Sendung auf youtube, abgerufen am 5.6.2018