„Kinderporno“-Ringe gesprengt – eine Chronologie

[Zuletzt aktualisiert: Mai 2019 mit der „Operation Blackwrist“ in Thailand und Anklagen zum Campingplatz Lügde-Elbrinxen und ]

Regelmäßig lesen wir in der Tagespresse Erfolgsmeldungen darüber, dass Ermittlungsbehörden ganze Ringe von Internet-Händlern und -Kunden entdeckt haben, die Gewaltdarstellungen von Kindesmisshandlungen und Pädokriminalität verbreiten.

Die Zahlen der Polizei über beteiligte Täter, Opfer, und von gefundenen Bild- und Videodateien sind meist in einer Größenordnung, dass die Dimensionen schwer zu fassen sind. Deshalb tragen wir hier eine Chronologie zu diesem Thema zusammen. [Anmerkung der Redaktion: Die Erkenntnisse verändern sich laufend. Wenn Sie Updates zu diesen Polizeiaktionen finden oder von Ermittlungserfolgen wissen, die wir hier noch nicht aufgelistet haben, weisen Sie uns gerne darauf hin.]

Es gibt übrigens eine kanadische Software, „Arachnid“, die das Internet auch nach nachträglich veränderten Bildern von misshandelten Kindern absuchen kann und die Ermittler darauf aufmerksam macht, wo entsprechende Webseiten sind. Ein englischsprachiges Video dazu finden Sie auf youtube.

(Warum wir in der Überschrift das Wort „Kinderporno“ verwenden, obwohl wir es eigentlich meiden wollen, erklären wir hier.)

2019, Mai, Thailand/USA/Australien. Nach zwei Jahren Ermittlungen in der „Operation Blackwrist“ verhaftet die Polizei in Thailand, den USA und Australien insgesamt neun Menschen und Richter in mehreren Ländern verhängen zum Teil hohe Haftstrafen (z.B. 146 Jahre für den Administrator des Netzwerkes in Thailand oder 40 Jahre und 3 Monate gegen einen zweiten Administrator in Australien). 50 Kinder konnten gerettet werden. Interpol schätzt, dass weitere 100 Kinder missbraucht worden und auf dem Bildmaterial zu sehen sind. Das jüngste Opfer war nach bisherigen Erkenntnissen 15 Monate alt. Die Behörden sind im Mai 2019 noch damit beschäftigt, weitere Kinder zu identifizieren. 63.000 Menschen hatten das Netzwerk im Darknet abonniert. Insgesamt wurde in 60 Ländern ermittelt. (Quelle: Interpol Pressemitteilung vom 23.5.2019, abgerufen am 29.5.2019)

2019, Mai, Deutschland, Lügde im Kreis Lippe/NRW. Zum Jahreswechsel 2018/19 wurde ein 56jähriger Mann verhaftet, weil er seit 10 Jahren über 40 Kinder auf einem Campingplatz vergewaltigt haben soll. Im Laufe der Ermittlungen werden Tausende (manche Medien sprechen von Millionen) von Bild- und Videodateien gefunden, die untersucht werden müssen. Drei Männer wurden mittlerweile wegen schwerem sexuellem Missbrauch (so ist die rechtliche Formulierung), Anstiftung dazu oder Beihilfe angeklagt. Mindestens einer davon soll in einem Live-Chat per Internet an einer solchen Kindesmisshandlung teilgenommen haben. Ermittelt wird auch gegen die Polizei in Lippe und die Jugendämter Lippe und Hameln/Pyrmont, weil sie Hinweisen, die seit 2002 auf den Haupttäter vorlagen, evtl. nicht ausreichend nachgegangen sind (Eine Chronologie der Ereignisse in diesem Fall von 2008 bis heute finden Sie beim WDR). Der Prozessbeginn wurde für Juni 2019 angekündigt (Quelle: Diverse Presseberichte).

In diesem Fall gibt es noch kein Urteil und die Ermittlungen laufen. Es gibt seit Anfang 2019 eine breite und quasi tägliche Berichterstattung. Bitte suchen Sie aktuell selbst im Internet nach weiteren Informationen, wenn Sie sich für diesen Fall besonders interessieren. Wir werden versuchen, diesen Eintrag jeweils anlassbezogen zu aktualisieren.

2017, Juni, Deutschland und Österreich. Mehr als 87.000 User hatten sich auf der Internetplattfolm „Elysium“ getroffen, um Dateien zu tauschen oder sich zur Misshandlung von Kindern zu verabreden. Das Bundeskriminalamt schloss die Seite, die nur über das Darknet erreichbar war, verhaftete den 39jährigen Betreiber aus dem Landkreis Limburg-Weilburg in Hessen und weitere Menschen aus dem engeren Zirkel in Deutschland und Österreich. Die Generalstaatsanwaltschaft in Frankfurt, wo die Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT) angesiedelt ist, und das Bundeskriminalamt veranlassten die Festnahmen. Das Portal bestand seit Ende 2016. (Quelle: Artikel auf Zeit-Online vom 6.7.2017, „Ermittler zerschlagen Kinderpornoplattform im Darknet“,  abgerufen am 7.7.2017) Im März 2019 wurden die ersten Urteile gegen die Betreiber gesprochen. (Quelle: Artikel auf hessenschau.de vom 7.3.2019, „Hohe Haftstrafen für Betreiber von Kinderporno-Plattform“, abgerufen 11.3.2019) Zur Plattform Elysium gibt es eine wikipedia-Seite mit Details zu den Ermittlungen, Tätern usw.

2017, Mai, weltweit. Europol meldet eine Zwischenbilanz der „Operation Pacifier“ („Operation Schnuller“): 870 Menschen wurden weltweit fest genommen, 368 davon in Europa. Mindestens 259 sexuell misshandelte Kinder konnten identifiziert und teilweise von ihren Peinigern gerettet werden. Und die Ermittlungen, gestartet 2014, laufen 2017 immer noch. Die Internetplattform „Playpen“ war nach Angaben von Europol eine der größten Websites mit Abbildungen von Gewalt gegen Kinder. Rund 150.000 Menschen sollen die Plattform genutzt haben. Schon im Dezember 2014 habe man die drei Administratioren von Playpen verhaftet, der Leiter der Gruppe sei Anfang Mai 2017 in North Carolina/USA zu 30 Jahren Gefängnis verurteilt worden, die anderen beiden zu je 20 Jahren. Von den 368 Verhafteten in Europa seien ebenfalls einige bereits verurteilt worden. Beteiligt waren Ermittlungsbehörden in Kolumbien, Kroatien, der Tschechischen Republik, Frankreich, Irland, Italien, Slowakien, Spanien, in der Schweiz und in Großbritannien.  „Playpen“ war eine Seite im sogenannten „Darknet“. (Quelle: Pressemitteilung von Europol 5.5.2017, abgerufen am 20.6.2017)

2017, März, Spanien. Als die ersten Meldungen auftauchten, hatten Sicherheitskräfte bisher 102 Verdächtige im Alter zwischen 21 und 60 Jahren festgenommen. Sie sind alle spanische Staatsbürger und stammen aus allen gesellschaftlichen Schichten (Zitat aus dem Artikel der Deutschen Welle: „vom Arbeiter bis zum Akademiker“). Ihnen wird zur Last gelegt, Videos und Fotos mit teilweise extremen Darstellungen von Gewalt gegen Kinder im Internet verbreitet zu haben – bis hin zu sexuellen Handlungen mit Tieren. Einige der Täter/innen sollen auch an der Produktion dieser Materialien beteiligt gewesen sein, andere Materialien stammten aus dem Ausland, so die Guardia Civil (spanische Polizei) in Madrid. Die Ermittler/innen stellten 400 Festplatten, 1700 DVDs und über 450.000 Fotos sicher. Die jüngsten misshandelten Kinder seien Säuglinge, die ältesten ca. 14 Jahre alt gewesen. Zehn der Opfer konnten identifiziert werden, als die Nachricht sich verbreitete. (Quelle: Deutsche Welle vom 31.3.2017, abgerufen am 20.6.2017)

2016, November, Norwegen. Es wurden „nur“ 20 Männer verhaftet im Westen von Norwegen, aber die beweisbaren Taten waren besonders grausam (Triggerwarnung: bitte lesen Sie in diesem Absatz nicht weiter, wenn Sie sich schützen wollen). Die Polizei fand Bildmaterial von Kindern verschiedener Altersgruppen, vom Säugling bis zum Teenager, die gefesselt und brutal misshandelt, zum Teil zum Sex mit anderen Säuglingen oder mit Tieren gezwungen wurden. Einer der Täter habe sich sogar im Darknet aus der Gruppe Tipps geholt, was er mit seinem noch ungeborenen Kind anstellen könnte, sobald es auf der Welt sei. Die Täter hätten teilweise ein sehr hohes Bildungsniveau gehabt, sagte die norwegische Polizei in einer Pressekonferenz, auch Grundschullehrer, Politiker und Anwälte seien dabei gewesen. Neben den 20 Verhafteten werde noch gegen 31 weitere Männer ermittelt. (Quelle: Artikel und Video auf Welt.de vom 21.11.2016, abgerufen am 20.6.2017)

2016, Europa. Bei einer europaweiten Polizeiaktion gegen Kinderpornografie im Internet sind 75 Verdächtige festgenommen worden. 207 konkrete Ermittlungsverfahren wurden eröffnet, als Europol von dieser Ermittlung berichtete. (Quelle: Pressemitteilung von Europol 23.8.2016) Bei der Aktion mit dem Namen „Operation Daylight“ seien alle EU-Mitgliedsländer außer Malta und die Tschechische Republik betroffen, sagte eine Europol-Sprecherin gegenüber dpa. (Gelesen in der Neuen Westfälischen, 24.8.2016)

2011, Niederlande (Europol). Die Ermittlungsbehörden vieler Länder haben drei Jahre lang in der „Operation Rescue“ zusammengearbeitet. Im März 2011 verkündete Europol, sie hätten im Internet-Netzwerk „boylover.net“ 670 Verdächtige identifiziert und 184 seien bereits festgenommen worden. 230 Kinder seien in Gewahrsam genommen worden. Dies sei die bislang höchste Anzahl geretteter Kinder bei solchen Aktionen. Beteiligt waren u.a. Behörden in Australien, Belgien, Kanada, Griechenland, Island, Italien, den Niederlanden, Neuseeland, Polen, Rumänien, Spanien, Großbritannien und den USA. Insgesamt hätte das Netzwerk über 70.000 Mitglieder gehabt. Das Zentrum sei in den Niederlanden identifiziert worden. (Quelle: Pressemitteilung von Europol, 16.3.2011, abgerufen am 20.6.2017)

2007, Berlin (Berliner Morgenpost). Der Oberbürgermeister einer Kleinstadt in Sachsen-Anhalt erhielt im August 2007 Besuch von der Kriminalpolizei – und wurde zu 8000 Euro Strafe verurteilt, weil er sich pädokriminelle Bilder im Internet angeschaut hatte. Die Berliner Staatsanwaltschaft ermittelte damals in der „Operation Himmel“ gegen 12.000 Verdächtige im ganzen Bundesgebiet. (Quelle: Berliner Morgenpost vom 6.1.2008, Artikel „Operation Himmel, auf Streife im Netz“, abgerufen am 6.12.2016 und Stern.de, 24.12.2007, abgerufen am 6.12.2016)

2006, keine Ortsangabe. (Berliner Morgenpost) Bei der „Operation Mikado“ prüften Ermittler 22 Millionen Kreditkartenabrechnungen auf einen bestimmten Betrag, der an einen Anbieter von pädokriminellen Fotos geflossen war. Sie machten 322 Verdächtige aus. Die Suche nach den Anbietern endet ohne konkretes Ergebnis auf den Phillippinen.(Quelle: Berliner Morgenpost vom 6.1.2008, Artikel „Operation Himmel, auf Streife im Netz“, abgerufen am 6.12.2016)

2003, Weltweit (Stern). Bei der „Operation Marcy“ wurden 2003 insgesamt 38 pädokriminelle Zirkel im Internet gesprengt. Es konnten 26.500 tatverdächtige Nutzer/innen in 166 Staaten ermittelt werden. (Quelle: Stern.de, 24.12.2007, abgerufen am 2.1.2017) 2005 wurde ein „führendes Mitglied“ dieses Netzwerkes laut der „heise online“ zu drei Jahren und sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Er wurde in neun Fällen schuldig gesprochen. Dies soll laut Heise Online das erste Urteil wegen „bandenmäßiger Verbreitung von Kinderpornografie im Internet“ gewesen sein. Außerdem sei er der Ausgangspunkt für die weltweiten Ermittlungen gewesen. (Quelle: heise online, 27.10.2005, abgerufen am 2.1.2017)