Colonia Dignidad – Paul Schäfer misshandelt Sektenmitglieder

Im Jahr 2006 wird Paul Schäfer verurteilt, Kinder in seiner freikirchlichen Sekten-Kolonie „Colonia Dignidad“ vergewaltigt und gefoltert zu haben. Außer ihm werden weitere Komplizen verurteilt. Die „Colonia Dignidad“ hat nachweislich mit dem chilenischen Geheimdienst zusammen gearbeitet und Menschen gefoltert und getötet.

Baustelle: Wir haben für dieses Thema nur deutsche Quellen ausgewertet. Wenn Sie chilenische oder argentinische Quellen mit weiteren Informationen für uns beisteuern können, melden Sie sich gerne bei uns.

Tatzeit von:


1. Januar 1950
(geschätzt nach Quellenlage)

Tatzeit bis:


31. Dezember 1997
(geschätzt nach Quellenlage)

Urteil/Anlass Datum:


11. März 2005

Stadt:


Colonia Dignidad

Bundesland/Landstrich:



Land:


Chile

Ist Rituelle Gewalt in Deutschland strafbar?


In Deutschland wurde gegen Paul Schäfer um 1960/61 herum ermittelt wegen sexualisierter Übergriffe auf ihm anvertraute Kinder – verurteilt wurde er aber nicht hier, sondern in Chile. Die Details zu den Taten auf deutschem Boden: Paul Schäfer war als Jugendpfleger bereits in den 1950er Jahren in Deutschland immer wieder wegen sexualisierter und nicht-sexualisierter Gewalt gegen minderjährige Jungen aufgefallen. Seine meist christlichen Arbeitgeber haben ihn meist nur versetzt oder entlassen. Zu einer Anzeige mit Haftbefehl kam es erst 1961. [1]

Daraufhin floh Schäfer erst nach Luxemburg, dann nach Chile, wo er sein als „urchristliche Lebens- und Dorfgemeinschaft“ getarntes Folterlager „Colonia Dignidad“ gründete. Damit entzog er sich einer Verhaftung in Deutschland. Die von ihm misshandelten Kinder wurden systematisch 1961/62 nach Chile entführt – die Journalistin Ulla Fröhling vermutet, dass er dies tat, damit die Kinder nicht gegen ihn aussagen konnten.

2006 wird Schäfer von einem chilenischen Gericht wegen sexualisierter Gewalt an 27 chilenischen Kindern verurteilt (siehe „Urteile im Ausland“). [1]

Quelle:
[1] Buch Fröhling, Ulla, „Unser geraubtes Leben“, Köln 2012


Ist Rituelle Gewalt im Ausland strafbar?


Paul Schäfer wurde in Chile mehrfach verurteilt, z.B. in den Jahren 2006 und 2008, und auch einige Mittäter erhielten Haft- und Geldstrafen (Aktenzeichen des Haupt-Urteils: Rol Nº 12.293-2005). Die Angabe der Gesamt-Haftstrafe von Paul Schäfer wird von verschiedenen Quellen unterschiedlich angegeben, weil mehrere Prozesse und Urteile zusammen addiert wurden. Die Stuttgarter Zeitung veröffentlichte 2010 eine der detailliertesten Listen und schrieb von einer Haftzeit von insgesamt 33 Jahren. [1] Ferner wurden er und einige Mittäter verurteilt, an mehrere Opfer Entschädigungszahlungen zu leisten. [2]

Verurteilt wurde er für die Vergewaltigung und Folter von Kindern, für Mord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit [3].

Weitere Mittäter, teilweise aus der Führungselite der Colonia Dignidad, wurden verurteilt wegen Beihilfe zur Vergewaltigung, Freiheitsberaubung, Nichtherausgabe von Minderjährigen, Strafvereitelung, Waffenbesitz und wegen vieler anderer Delikte. [2] Im Dezember 2016 beschied der oberste Gerichtshof Chiles, dass die Colonia Dignidad unter Führung von Paul Schäfer gemeinsam mit dem chilenischen Geheimdienst Dina eine kriminelle Vereinigung bildete. Auf dem Gelände der Colonia Dignidad wurden auch Gegner der chilenischen Regierung gefoltert und ermordet. [4]

Je nach Quelle schwankt die Anzahl der nachweislich sexuall misshandelten Kinder und der verurteilten Mittäter. Grund für die unterschiedlichen Darstellungen sind die vielen verschiedenen Verfahren, die eingeleitet wurden.

Dabei wurde Paul Schäfer nur für die sexualisierte Misshandlung und Vergewaltigung von chilenischen Kindern verurteilt. Deren Mütter hatten ihn Mitte der 1990er Jahre in Chile angezeigt. Die vielfachen und jahrzehntelangen Vergewaltigungen deutscher oder von deutschen Sektenanhängern in Chile geborener Kinder wurden nie vor einem Gericht verhandelt.

Eine kleine Chronologie der Colonia Dignidad

Durch Überlebenden-Berichte und journalistische Recherchen sind Vorwürfe wegen pädokrimineller Handlungen von Paul Schäfer schon seit 1949 nachgewiesen. Die Journalistin Ulla Fröhling zitiert ihn aus dieser Zeit mit den Worten

„Ich brauche einen Ort, wo mir niemand reinriecht.“ [5]

Dieses Ziel setzte er konsequent um: In Deutschland wurde er vor 1961 mehrfach wegen sexualisierter Gewalt gegen minderjährige Jungen angeschuldigt und verdächtigt. Zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits eine eigene christliche Gruppierung, die „Private Sociale Mission“ gegründet. Er floh, erst nach Luxemburg, dann nach Chile. Viele Kinder seiner Anhängerinnen und Anhänger nahm er mit – teilweise ohne Genehmigung der Eltern, teilweise mit den Unterschriften der Erziehungsberechtigten. (Siehe „Woher kommen diese Kinder?“) In Chile trennte er die Kinder von den Eltern, trennte Männer von Frauen, und errichtete ein strenges totalitäres System, in dem er die totale Kontrolle hatte. Damit hatte er freie Bahn, mit den Kindern zu tun, was immer er wollte. Sexuelle Übergriffe waren an der Tagesordnung – überwiegend auf Jungen, später auch auf Mädchen. [6]

Die Straftaten an den deutschen Kindern und an Erwachsenen in der Colonia Dignidad (Folter, Elektroschocks, Zwangsmedikation, Menschenraub, usw.) sind durch Zeugenaussagen Überlebender und Geflüchteter gut belegt, wurden aber nie abgeurteilt. Schäfer soll zeitweise täglich mehrere Jungen sexuell misshandelt haben. Die Journalistin Ulla Fröhling beschreibt in ihrem Buch „Unser geraubtes Leben“ 2012, wie Schäfer sein Folterregime systematisch aufbaute, die Mitglieder seiner Sekte systematisch manipulierte und Gehirnwäsche betrieb. [6]

Schon 1966, fünf Jahre nach der Flucht nach Chile, wurden in Deutschland erste Berichte über die Gewalt in der Colonia Dignidad nachweislich bekannt. [7] 1977 veröffentlichte Amnesty International einen ausführlichen Bericht. Der „Stern“ und andere Medien griffen die Vorwürfe auf und belegten sie durch Augenzeugeninterviews. 1988 kam es sogar zu einer Anhörung mit geflohenen Austeiger/innen vor dem deutschen Bundestag. Aber noch immer griff die deutsche Politik nicht ein, im Gegenteil. Die Colonia Dignidad wurde von Botschaftsangehörigen in Chile gedeckt. [8] (Siehe auch „Warum werden die Täter/innen selten gefasst und verurteilt?“, „Was sagt die Politik?“ und „Soziale und gesellschaftliche Faktoren“)

In den Jahren 1988 und 1989 stellte die deutsche Rentenversicherung fest, dass mehrere Bewohner/innen der Colonia Dignidad Rentenzahlungen erhielten, obwohl sie sich schon seit Jahren nicht mehr persönlich bei der Botschaft vorgestellt hatten. Die Colonia Dignidad hatte Kulanz- und Sonderrechte eingeräumt bekommen, keinen Lebendnachweis für Rentenempfänger/innen vorlegen zu müssen. Es wird vermutet, dass Paul Schäfer und seine Führungselite allein durch diesen Betrug Millionenbeträge kassiert haben. [9]

Anfang der 1990er Jahre begann Schäfer, sich chilenische Kinder in die Colonia Dignidad zu holen, sie zu misshandeln und zu vergewaltigen. [9] Erst die Anzeigen ihrer Mütter führten 1997, dreißig Jahre nach den ersten Gerüchten über Schäfers Gewaltherrschaft, zu Ermittlungen gegen ihn. Er tauchte unter und floh nach Argentinien. Dort lebte er weitere acht Jahre und wurde erst am 11.3.2005 in einer Reichensiedlung außerhalb von Buenos Aires verhaftet. [10] 2006 wurde er erstmals verurteilt zu 20 Jahren Haft wegen sexualisierter Misshandlung von 27 chilenischen Kindern. Er starb am 24.4.2010 im Gefängniskrankenhaus von Santiago de Chile an einem Herzleiden. [11]

2016 räumte Bundesaußenminister Steinmeier Versäumnisse des Auswärtigen Amtes in den vergangenen 40 bis 50 Jahren ein. (Siehe „Was sagt die Politik?“ und „Soziale und gesellschaftliche Faktoren“)

Deutsche Gerichtsurteile gegen Paul Schäfer und seine Komplizen gibt es nicht. Im Gegenteil: Ein in Chile verurteilter Arzt der Sekte flüchtete 2011 nach Deutschland, um seiner Haftstrafe in Chile für Beihilfe zum sexuellen Missbrauch in 16 Fällen [12] zu entgehen. Er lebt seitdem in Deutschland auf freiem Fuß – die Justiz prüft noch, ob das chilenische Urteil in Deutschland vollstreckt werden kann. Eine Auslieferung nach Chile wird es nicht geben, weil er deutscher Staatsbürger ist. [9]

Die Sektenmitglieder von Paul Schäfer leben entweder noch in Chile, teilweise auf dem Gelände der Colonia Dignidad, das heute als Freizeitzentrum mit Gastronomie und Ausflugslokal bewirtschaftet wird. Andere Sektenmitglieder sind nach Deutschland oder Österreich zurück gekehrt und leben meist verarmt – Rentenzahlungen erhalten sie nicht, weil sie nie eingezahlt haben. Einen Anspruch auf Entschädigung gegen die Täter haben sie nicht geltend gemacht oder machen können. [6], [9] 2016 wurden Bundesaußenminister Steinmeier und Bundespräsident Gauck auf Entschädigungen angesprochen, sahen aber keine Verantwortung für die Taten beim deutschen Staat. [14], [9] (Mehr dazu unter „Was sagt die Politik?“)

Quellen:
[1] Zeitungsartikel Stuttgarter Nachrichten, „Paul Schäfer: Proteste bei Begräbnis„, 26.4.2010, abgerufen 6.2.2017
[2] Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Partei Die Linke, 21.7.2016, Bundestagsdrucksache 18/9261
[3] Buch Fröhling, Ulla, „Unser geraubtes Leben“, Köln 2012, Fußnote 10, S. 306
[4] Zeitungsartikel taz, „Eine kriminelle Vereinigung„, 1.1.2017, abgerufen am 6.2.2017
[5] Buch Fröhling, Ulla, „Unser geraubtes Leben“, Köln 2012, S. 61
[6] Buch Fröhling, Ulla, „Unser geraubtes Leben“, Köln 2012
[7] Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Partei Die Linke, 21.7.2016, Bundestagsdrucksache 18/9261
[8] Der Stern berichtete mehrfach über die Entwicklungen. Die Artikel liegen uns im Original vor, allerdings ohne konkretes Veröffentlichungsdatum. Wir beziehen uns auf die Berichte „Helft, helft bitte, lasst mich nicht allein“ (wahrscheinlich Mitte 1988), „Lokaltermin im Lager des Schreckens“ (wahrscheinlich 1988 oder später) und „Ein deutscher Skandal – Das Lager des Schreckens“ aus der Ausgabe 49/50 1987.
[9] Fernsehreportage „Die Sekte der Folterer“, ARD Erstausstrahlung 14.11.2016, bei youtube abgerufen am 6.2.2017
[10] Zeitungsartikel Neue Westfälische, 12.3.2005, „Herrscher der Horror-Kolonie in Haft“
[11] Buch Fröhling, Ulla, „Unser geraubtes Leben“, Köln 2012, S. 7
[12] Zeitschriftenartikel Der Spiegel, „Sektenarzt Hopp soll in Deutschland in Haft„, 7.6.2016, abgerufen am 6.2.2017
[13] Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier, Rede vom 26.4.2016, abgerufen am 7.2.2017


Warum werden die Täter/innen selten gefasst und verurteilt?


Auf diese Frage gibt es im Fall von Paul Schäfer und der Colonia Dignidad viele verschiedene Antworten. Manche davon sind gut übertragbar auf andere Fälle Ritueller Gewalt. Insofern lohnt sich eine Beschäftigung mit diesem Fall, wenn man das Phänomen Rituelle Gewalt verstehen will. Die Journalistin Ulla Fröhling hat in ihrem Buch „Unser geraubtes Leben“ von 2012 viele Täterstrategien Schäfers herausgearbeitet und in einen Kontext mit anderen Fällen oder mit der Zeitgeschichte gesetzt. [1]

Die gesellschaftliche Tabuisierung sexualisierter Gewalt

Paul Schäfer war schon in den 1950er Jahren immer wieder wegen gewalttätiger Übergriffe auf Jungen aufgefallen. Die Eltern taten sich oft sehr schwer, diese Taten anzuzeigen. Arbeitgeber zogen es vor, ihn zu suspendieren oder zu versetzen, anstatt ihn anzuzeigen.

Die zerstörerische Kraft sexualisierter Gewalt

Sexualisierte Gewalt gegen Kinder, die zudem den Eindruck haben, dass Erwachsene diese Gewalt dulden, kann Seelen und Persönlichkeiten zerstören. Ulla Fröhling beschreibt das mit den Worten:

„Wenn hier Angriffe stattfinden und kein Schutz möglich ist, verschwinden die Grenzen und jedes Gefühl von Sicherheit. Menschen werden beliebig manipulierbar und ausbeutbar.“ [2]

Schäfer begleitete seine eigenen Übergriffe auf Kinder stets mit einer rigide ablehnenden Haltung gegen Sexualität. Er predigte Enthaltsamkeit, bestrafte und unterstellte schon Kindern sexualisierte Gedanken. Zweifel waren verboten, Mitwisserschaft und Schuldgefühle verstärkten die Bindung an ihn. Diese Kombination lässt Menschen schweigen.

Die christliche Ethik

Sowohl in der katholischen als auch (wie in Schäfers Fall) in der evangelischen Kirche ist immer wieder zu beobachten, dass Täter quasi als „verirrte Schafe“ betrachtet und behandelt werden und man „das Problem“ intern lösen will, durch Versetzung oder Suspendierung. Offizielle Strafanzeigen werden oft gemieden. Ulla Fröhling spricht von einer „unheiligen Bindung zwischen Sexualstraftätern und Kirche“ und zitiert dazu die Kriminalpsychologin Anna Salter:

„Ich habe gefilmte Interviews mit diesen Tätern; sie sagen, ich mag die Kirchenleute am liebsten, weil sie nach dem Besten in den Menschen suchen, weil sie glauben, dass in jedem Gutes ist. Und die Täter rutschen direkt unter diesem optimistischen Radar hindurch.“ [3]

(Mehr zum christlichen Hintergrund finden Sie unter „Religiöse und ideologische Hintergründe“)

Weitgehend geschlossene, hierarchische Systeme

Kloster, christliche Internate, die Regensburger Domspatzen, das Canisius-Kolleg oder auch von den großen Amtskirchen abgespaltene Gemeinden (Orden, Freikirchen, …) sind anfällig dafür, sich zu einer Art „Parallelgesellschaften“ zu entwickeln, die eigene Regeln, Gesetze und Sanktionen entwickeln. Bei evangelischen Freikirchen (dort war die Keimzelle für Schäfers „Private Sociale Mission“) kommt hinzu, dass sich dort oft entwurzelte Menschen sammeln, die Orientierung in einer neuen, unbekannten Heimat suchen, z.B. nach Flucht und Vertreibung aus Osteuropa.

Paul Schäfer hat das früh erkannt und konsequent umgesetzt, indem er seine eigene „Private Sociale Mission“ gründete, sich von der Amtskirche unabhängig machte und später in Chile die Colonia Dignidad aufbaute. Schon 1949 hatte er zu einer Anhängerin gesagt:

„Ich brauche einen Ort, wo mir niemand reinriecht.“ [4]

Um die Gruppenbindung zu stärken, etablierte er eigene Begrifflichkeiten und Redewendungen, quasi eine eigene Sprache. Er erhob sich selbst in die Rolle des „Wissenden“, wurde als „der heilige Mann“ bezeichnet und präsentierte sich seinen Anhänger/innen als Verfolgter, getriezt und verleumdet von den „anderen“, den Ungläubigen. [1]

Wie stark die Gemeinschaft in der Colonia Dignidad Störenfriede von außen verteufelte, wurde deutlich, als der Stern 1988 berichtete, dass Journalisten, die über eine chilenische Untersuchungskommission auf dem Gelände der Kolonie berichten wollen, von Bewohner/innen der Kolonie mit Steinen beworfen wurden.  [5]

Spaltung und Isolation

Paul Schäfer verstand es meisterhaft, seine Anhänger/innen zu verunsichern und zu isolieren. Das weist Ulla Fröhling in ihrem Buch „Unser geraubtes Leben“ sehr überzeugend nach. Er trennte Kinder von ihren Eltern, trennte Paare und Geschwister voneinander, kontrollierte, genehmigte oder befahl Hochzeiten, brachte Familien gegeneinander auf, schaffte Außenseiter und strenge Hierarchien innerhalb seiner Kolonie. Damit isolierte und verunsicherte er viele seiner Anhänger/innen derart, dass sie – gepaart mit körperlicher Erschöpfung und Folter-Folgen – nur selten die Kraft hatten, zu fliehen und/oder gegen ihn auszusagen.

Angst, Abhängigkeit, Gehirnwäsche

Schäfer benutzte widersprüchliche Aussagen, Informationen aus Beichten, Erpressung, Schuldgefühle, Verrat, Denunziation und Foltermethoden wie Übermüdung, Unterernährung und Gebets-Marathons, um seine Anhänger/innen gefügig zu machen. Ferner behielt er die Pässe der Bewohner/innen ein und schottete die Colonia Dignidad in späteren Jahren mit Abhör- und Meldeanlagen, Zäunen und Wachvorrichtungen ab. Wer floh und zurück gebracht wurde, wurde misshandelt, auch als Warnung an die anderen. [1]

Eine eigene Sprache, Isolation, Manipulation, Angst und Abhängigkeit gepaart mit strengen Glaubensregeln und Gebeten sind eine sehr wirksame Gehirnwäsche. Bis heute sind viele Anhänger/innen von Paul Schäfer nicht gewillt, ihn und seine Führungselite anzuzeigen oder gegen sie auszusagen. Dies belegen mehrere Interviews in einem ARD-Fernsehfilm von 2016. [6]

Die Flucht über Landesgrenzen

Schon vor 1961, also noch in Deutschland, zog Schäfer regelmäßig auch in verschiedene Bundesländer um. Das tun manche Täter/innen auch heute noch, denn das erschwert Ermittlungen, weil Polizei und Justiz Ländersache sind. Durch seine Flucht nach Luxemburg und von dort nach Chile entzog sich Paul Schäfer dann gänzlich den Ermittlungen in Deutschland.

Ausnutzen des politischen Zeitgeistes

In Chile fand Schäfer 1961 eine Regierung vor, die ihn in den ersten Jahren in Ruhe seine Kolonie errichten ließ. Das große Engagement der Colonia Dignidad, die unwirtliche Landschaft am Rande der Anden bewohnbar zu machen und eine Infrastruktur aufzubauen, wurde begrüßt – zumal 1961 ein schweres Erdbeben Chile erschüttert hatte.

Nachdem im September 1973 der General Augusto Pinochet durch einen Militärputsch an die Macht kam, schaffte Schäfer es, sich mit dieser Regierung zu verbünden. Dies geschah in der Zeit des Kalten Krieges. Staaten konnten sich diplomatisch quasi nur zwischen zwei Alternativen entscheiden: Zum Block der USA- oder der UdSSR-Verbündeten zu gehören. Der Spiegel berichtet von den Erinnerungen des ehemaligen Staatsministers im Auswärtigen Amt (1976 bis 1981), Klaus von Dohnanyi:

„Um der Stabilität willen waren wir auch bereit, manchmal Kompromisse einzugehen.“

Weiter schreiben die Spiegel-Autoren:

„Die Blockbildung und die damit einhergehende Solidarität mit den USA gaben die Haltung vor. Und damit auch das Verhältnis zu den Militärdiktaturen Lateinamerikas. Dass der chilenische Geheimdienst Kritiker verschwinden ließ? Nicht schön, aber vielleicht nötig. Dass im Nachbarland Argentinien auch junge Deutsche umgebracht wurden? […] Kein Grund, die Beziehung ernsthaft zu hinterfragen.“ [7]

In diesem Zeitgeist wurden die Berichte aus der Colonia Dignidad nicht ernst genommen oder angezweifelt.

Besondere Unterstützung genoss Paul Schäfer von deutschen Unions-Politikern, insbesondere von der CSU und von Franz-Josef Strauß. Strauß und andere CSU-Politiker waren in der Kolonie zu Gast und kamen voll des Lobes zurück. Nicht zuletzt hatte Schäfer ihnen und auch chilenischen Besuchern in der Colonia Dignidad ein sehr konservatives süddeutsches Deutschland-Bild präsentiert: Jungen und Männer in kurzen Lederhosen, Mädchen und junge Frauen mit gescheitelten Haaren, Volkslieder und Blasmusik, Bier und Sauerkraut.

So stand Schäfer unter dem Schutz der Politiker in Chile und des deutschen Botschafters, der die Kritik aus Deutschland immer wieder entkräftete. [7]

Zum Verhalten des Personals des Auswärtigen Amtes ist seit Anfang 2016, nachdem Bundesaußenminister Steinmeier die Schutzfrist der Akten zur Colonia Dignidad verkürzt hatte, sehr viel in der deutschen Tagespresse veröffentlicht worden. [8] (Mehr dazu siehe unter „Was sagt die Politik?“)

Mit der chilenischen Regierung verband Schäfer eine intensive Zweckgemeinschaft. Ulla Fröhling schrieb über den Putsch Pinochets:

„3100 bis 4000 Menschen werden ermordet oder verschwinden. Mehr als hundert von ihnen in der Colonia Dignidad. Nach dem Putsch wird [Manuel] Contreras Chef der neugegründeten chilenischen Geheimpolizei DINA. Er ist oft zu Gast in der Kolonie. Auch Pinochet und seine Gattin kommen gern.“ [9]

Nicht zuletzt war die „Private Sociale Mission“ als gemeinnützig in Deutschland anerkannt. Das führte zu Steuervorteilen und anderen Privilegien, z.B. erleichterten Zollvorschriften. [10] Der Spiegel berichtete, dass Schäfer so z.B. Waffen entgegen dem Uno-Waffenembargo ins Land schmuggeln konnte, die er an Pinochet weiter gab. [11]

Lügen und Betrug

Paul Schäfer ließ seine Anhänger fingierte Briefe nach Hause schreiben, wurde von Führungskräften verleugnet, wenn er vorgeladen wurde und brachte verschiedene Stellen in Chile (unter anderem die Deutsche Botschaft) dazu, geflohene Anhänger/innen immer wieder zu ihm zurück zu bringen. [1] 1985 flohen einige Bewohner/innen der Colonia Dignidad in die kanadische Botschaft, weil sie ihren deutschen Landsleuten nicht über den Weg trauten. [7]

Quellen:
[1] Buch Fröhling, Ulla, „Unser geraubtes Leben“, Köln 2012
[2] Buch Fröhling, Ulla, „Unser geraubtes Leben“, Köln 2012, S. 289
[3] Buch Fröhling, Ulla, „Unser geraubtes Leben“, Köln 2012, S. 25, Anna Salter 2001 und 2007
[4] Buch Fröhling, Ulla, „Unser geraubtes Leben“, Köln 2012, S. 61
[5] Der Stern berichtete mehrfach darüber. Die Artikel liegen uns im Original vor, allerdings ohne konkretes Veröffentlichungsdatum. Wir beziehen uns auf die Berichte „Helft, helft bitte, lasst mich nicht allein“ (wahrscheinlich Mitte 1988), „Lokaltermin im Lager des Schreckens“ (wahrscheinlich 1988 oder später) und „Ein deutscher Skandal – Das Lager des Schreckens“ aus der Ausgabe 49/50 1987.
[6] Fernsehreportage „Die Sekte der Folterer“, ARD Erstausstrahlung 14.11.2016, bei youtube abgerufen am 6.2.2017
[7] Artikel auf Spiegel.de 11.7.2016, „Colonia Dignidad – Dokumente des Terrors“
[8] Exemplarisch seien hier genannt die taz 28.7.2016, „Der BND wusste lange Bescheid„, oder Der Spiegel 26.4.2016, „Terrorsekte Colonia Dignidad – Wieviel wusste die Diplomatie?„, abgerufen am 7.2.2016
[9] Buch Fröhling, Ulla, „Unser geraubtes Leben“, Köln 2012, S. 214f.
[10] Buch Fröhling, Ulla, „Unser geraubtes Leben“, Köln 2012, S. 156
[11] Artikel auf Spiegel.de 24.2.2016, „Colonia Dignidad heute“, abgerufen am 15.2.2017


Sind Menschen bei Ritueller Gewalt getötet worden?


Paul Schäfer wurde für seine Übergriffe auf Kinder verurteilt, nicht für Tötungen. Viele Todesfälle in Zusammenhang mit der Colonia Dignidad sind durch Überlebenden-Berichte und journalistische Recherchen belegt. [1] Es gibt unseres Wissens keine Berichte über Tötungen im Zusammenhang mit christlich-rituellen Handlungen der Sekte oder im Zusammenhang mit Missbrauchssituationen. 

Schäfer beherrschte die Colonia Dignidad von 1961 bis 1997, also über 30 Jahre lang. Wie viele Menschen in diesen Jahren an Folterfolgen, Medikamentenversuchen, Unfällen (u.a. im geschwächten Zustand), Suizid oder schlicht aus Altersgründen starben, ist nicht mehr im Einzelnen nachvollziehbar.

Einige Beispiele für dokumentierte Todesfälle und die Quellen dazu:

Amnesty international berichtete laut den Zeitungen „Stern“ und „taz“ bereits 1990, dass bis zu diesem Zeitpunkt 119 Opfer des chilenischen Militärregimes in die Colonia Dignidad verschleppt worden seien. Wie viele dort umgebracht wurden, sei unbekannt. [2]

2005 berichtete die taz:

„Sowohl im 1991 veröffentlichten ‚Rettig-Bericht‘ über die Verschwundenen der [chilenischen, die Red.] Diktatur als auch im kürzllich vorgestellten ‚Valech-Bericht‘ über die Folterungen unter Pinochet nimmt die Colonia einen prominenten Platz ein. Bis zu 120 Personen könnten in der Colonia ermordet worden sein.“ [3]

Ulla Fröhling beschreibt in Ihrem Buch eine Frau aus Gronau/Deutschland, die sich und ihre Kinder tötete aus Angst, dass ihre Kinder nach Chile verschleppt würden. [4] Von einem ähnlichen Fall aus dem Jahr 1967 berichtet der „Stern“ – vielleicht handelt es sich dabei um die gleichen Personen. [5] Auch solche Todesfälle stehen im Zusammenhang mit Schäfers Sektenaktivitäten, ohne dass eine direkte justiziable Tatbeteiligung nachweisbar wäre.

Ein anderer Todesfall ist ein enger Mitarbeiter Schäfers, der 1985 angeblich mit Anzeichen einer Vergiftung starb. Sein Leichnam wurde nach Chile gebracht und dort beerdigt – die Todesursache bleibt insofern unklar. [6]

Quellen:
[1] z.B. Buch Fröhling, Ulla, „Unser geraubtes Leben“, Köln 2012
[2] Zeitschriftenartikel „Stern“ 1987/88: Mehrteilige Artikelreihe, z.B. „Ein deutscher Skandal“, „Colonia Dignidad – Helft, Helft bitte, lasst mich nicht allein“ und „Colonia Dignidad – Lokaltermin im Lager des Schreckens“
[3] Zeitungsartikel „taz“ 12./13.3.2005: „Der ewige Onkel ist hinter Gittern – Colonia Dignidad-Gründer Paul Schäfer festgenommen“
[4] Buch Fröhling, Ulla, „Unser geraubtes Leben“, Köln 2012, S. 136
[5] Zeitschriftenartikel „Stern“, wahrscheinlich ca. Mitte 1988, „Helft, helft bitte, lasst mich nicht allein“, S. 106
[5] Buch Fröhling, Ulla, „Unser geraubtes Leben“, Köln 2012, S. 274


Sind Kinder an Ritueller Gewalt beteiligt?


Paul Schäfers pädokriminelles Interesse galt eher den Jungen innerhalb und außerhalb seiner Sekte. Minderjährige Mädchen wurden ebenfalls von ihm sexualisiert misshandelt, aber eher als „Strafmaßnahme“ und zur Machtausübung. [1]

Wieviele Kinder er im Laufe der Zeit misshandelte, ist nicht bekannt. Phasenweise soll er jede Nacht einen anderen Jungen bei sich gehabt haben – oder auch mehrere. Von verstorbenen Kindern ist unseres Wissens ebenfalls nichts offiziell bekannt.

Quelle:
[1] Buch Fröhling, Ulla, „Unser geraubtes Leben“, Köln 2012 und diverse weitere Berichterstattung.


Woher kommen diese Kinder?


Als Jugendpfleger wurde Paul Schäfer mehrfach mit sexualisierten und nicht sexualisierten Gewalttaten an den ihm anvertrauten Jungen auffällig. Meist regelten seine Arbeitgeber das intern – zu polizeilichen Anzeigen und Ermittlungen kam es erst 1961. Dokumentiert sind die Erinnerungen Aussagen von Menschen, die als Kinder in den Jugendlagern, Chören und Aktivitäten von Schäfers eigener Glaubensgemeinschaft oder Sekte mitwirkten. [1]

Als Paul Schäfer 1961 nach Chile floh, entführte er teilweise die Kinder seiner Anhänger/innen nach Südamerika bzw. ließ sie von anderen erwachsenen Sektenmitgliedern entführen. Die Journalistin Ulla Fröhling beschreibt, dass die als erste ausreisen mussten, die gegen ihn hätten aussagen konnten. [2]

Die Eltern, die Mitglieder in Schäfers Sekte waren, überließen ihm ihre Kinder freiwillig oder nach Druck von Sektenmitgliedern. Manche Eltern unterschrieben Sorgerechts-Übertragungen auf Schäfer, bei anderen wurden Ulla Fröhlings Recherchen zufolge die Unterschriften gefälscht. [3] Schäfer hatte den Ruf, mit Kindern „gut zu können“, und er bot den Eltern an, dass ihre Kinder bei ihm in einer christlichen Gemeinschaft aufwachsen und es gut haben würden.

Im Laufe der gut 35 Jahre Colonia Dignidad wurden viele Kinder auch in Chile in die Colonia Dignidad hinein geboren. Sie wurden früh von ihren Eltern getrennt. Ulla Fröhling beschreibt, dass die Kinder teilweise nicht wussten, wer ihre Eltern und wer ihre Geschwister waren. [4], [5]

In der „Colonia Dignidad“ gab es ein Krankenhaus und eine Schule, die auch von der chilenischen Bevölkerung im Umkreis genutzt wurden – kostenlos, das Geld bezahlte der chilenische Staat. So erwarb die Colonia Dignidad sich über einige Jahre einen sehr guten Ruf unter den Einheimischen. [6] Ob es in dieser Zeit bereits Übergriffe auf die chilenischen Kinder gab, ist nicht bekannt. Berichte darüber gibt es erst in den 1990er Jahren. [7] Erst die Eltern dieser Kinder sorgen für Ermittlungen gegen Paul Schäfer, die 2006 dann auch zu einem Urteil führten. (siehe „Urteile im Ausland“).

Quellen:
[1] Buch Fröhling, Ulla, „Unser geraubtes Leben“, Köln 2012
[2] Buch Fröhling, Ulla, „Unser geraubtes Leben“, Köln 2012, S. 168
[3] Buch Fröhling, Ulla, „Unser geraubtes Leben“, Köln 2012, S. 153ff.
[4] Buch Fröhling, Ulla, „Unser geraubtes Leben“, Köln 2012, S. 173ff.
[5] Zeitschriftenartikel „Stern“ Ausgabe 49/50 1987, „Ein deutscher Skandal Teil II – Das Lager des Schreckens“, S. 206
[6] Buch Fröhling, Ulla, „Unser geraubtes Leben“, Köln 2012, S. 182
[7] Fernsehreportage „Die Sekte der Folterer“, ARD Erstausstrahlung 14.11.2016, bei youtube abgerufen am 6.2.2017


Welche Rolle spielt sexualisierte Gewalt?


Paul Schäfer benutzte seine eigene Glaubensgemeinschaft und später die Siedlung Colonia Dignidad, um ungestört pädokriminelle Gewalt an den ihm anvertrauten Kindern zu begehen. Die Journalistin Ulla Fröhling zitiert ihn schon deutlich vor 1960 mit den Worten „Ich brauche einen Ort, wo mir niemand reinriecht.“ [1] Mit der Sektengründung, schaffte er sich selbst einen solchen Ort.

Seine Übergriffe auf die Kinder fanden dabei nicht als Teil eines offiziellen gemeinschaftlichen Rituals oder Gottesdienstes statt, wie es z.B. aus „Schwarzen Messen“ der Satanisten berichtet wird. Im Laufe der Zeit trug er seinen sexualisierten Umgang mit Kindern bzw. Jungen, die regelmäßig bei ihm übernachten mussten, immer offener in der Gemeinschaft zur Schau. [2]

Die Journalistin Ulla Fröhling beschreibt die Rolle Sexueller Gewalt in der Colonia Dignidad mit folgenden Worten:

„Sexuelle Misshandlungen sind ein Bestandteil vieler Sekten. Manche der Führer leben eine abweichende Sexualität aus – Paul Schäfer war Päderast, er hatte eine Fixierung auf präpubertäre Jungen von 7-14 Jahren -, und die Führungsclique tolerierte und bediente dieses Verhalten. Der tiefere Grund aber liegt in der destruktiven Macht sexueller Gewalt, die die Persönlichkeit des Opfers zerstören kann. Wenn hier Angriffe stattfinden und kein Schutz möglich ist, verschwinden die Grenzen und jedes Gefühl von Sicherheit. Menschen werden beliebig manipulierbar und ausbeutbar.“ [3]

Zur Veranschaulichung ergänzen wir das hier mit einem Zitat eines Mitglieds der „Führungsclique“, Burghard Hopp, von 1991:

„Schäfer ist eine ganz besondere Persönlichkeit. Mit einer ganz eigenen Zuneigung zur Jugend, zu den Kindern. Und diese Hinwendung ist leider immer wieder missverstanden worden. Von Leuten, die einfach nicht in der Lage sind, das als wirkliche Zuneigung, als echtes Gefühl zu verstehen.“ [4]

In seinen offiziellen religiösen Ritualen predigte Schäfer strikte Enthaltsamkeit, ließ im täglichen Leben kaum Kontakte zwischen Männern und Frauen in der Colonia Dignidad zu und bestrafte teilweise schon den Blickkontakt zwischen ihnen hart. Er verordnete Ehen, kontrollierte und bestrafte Kinder und Jugendliche insbesondere in der Pubertät streng. Die Journalistin Ulla Fröhling berichtet, wie der Vorwurf sexueller Gefühle auch zur Erpressung schon gegen kleine Kinder eingesetzt wurde.

An anderer Stelle beschreibt sie, dass das Verprügeln von Frauen die einzige von Schäfer geduldete Art war, wie Männer Frauen berühren durften. Wenn Zärtlichkeiten verboten sind, kann Sadismus sich Bahn brechen. [5]

Quellen:
[1] Buch Fröhling, Ulla, „Unser geraubtes Leben“, Köln 2012, S. 61
[2] Zeitungsartikel „taz“ 12./13.3.2005: „Der ewige Onkel ist hinter Gittern – Colonia Dignidad-Gründer Paul Schäfer festgenommen“
[3] Buch Fröhling, Ulla, „Unser geraubtes Leben“, Köln 2012, S. 289
[4] Fernsehreportage „Die Sekte der Folterer“, ARD Erstausstrahlung 14.11.2016, bei youtube abgerufen am 6.2.2017. O-Ton bei ca. 36:00 Minuten.

[5] Buch Fröhling, Ulla, „Unser geraubtes Leben“, Köln 2012, S. 131


Wer sind die Täter/innen?


Paul Schäfer wurde 1921 geboren als jüngster von drei Söhnen. Er erhielt nur eine geringe Schulbildung und tingelte Mitte der 1930er Jahre mit einem homosexuellen „Kraftmenschen“ über Jahrmärkte. Dieser Kontakt hielt mindestens bis 1960 – Besuche in Schäfers Glaubensgemeinschaft nutzt dieser Jahrmarkt-Darsteller auch zu Übergriffen auf Kinder. [1] Während der Nazi-Zeit fehlen Details aus Schäfers Biografie. In seinen Wehrmachtsakte fehlen Seiten ca. um das Jahr 1941. [2] Die Journalistin Ulla Fröhling zeichnet in ihrem Buch akribisch nach, wie Schäfer nach und nach Prediger und Gläubige, Geschäftsleute und Gewalttäter um sich schart, um seine Colonia Dignidad  aufzubauen. Sie werden erst mit christlichen Heilsversprechungen gelockt und dann systematisch verroht, um in Schäfers Sinne als Stalker, Schläger und Folterer eingesetzt zu werden.

Neben den Sektenmitgliedern hatte Schäfer auch außerhalb seiner Glaubensgemeinschaft Mitwisser/innen, Unterstützer/innen und Verbündete in Deutschland und Chile. Zu den Mechanismen, warum niemand ihm Einhalt gebot, siehe die Rubriken „Warum werden die Täter/innen selten gefasst oder verurteilt?“ und „Was sagt die Politik?“

Quellen:
[1] Buch Fröhling, Ulla, „Unser geraubtes Leben“, Köln 2012, S. 136f.
[2] Buch Fröhling, Ulla, „Unser geraubtes Leben“, Köln 2012, S. 41


Was sagt die Politik?


Paul Schäfers Verbindungen in die Politik waren breit und vielfältig. Sowohl die deutsche als auch die chilenische Politik hat ihn geschont, unterstützt, teilweise sogar gefördert oder mit ihm kooperiert. Heute (2016), 10 Jahre nach seiner Verurteilung, haben sich die Einstellungen zur Colonia Dignidad und zu Paul Schäfer geändert.

Das Auswärtige Amt – 2012 und 2016

Als 2012 das Buch „Unser geraubtes Leben“ von Ulla Fröhling veröffentlicht wird, schreibt sie,

„Das Auswärtige Amt erschwert die Akteneinsicht in dieses dunkle Kapitel seiner Geschichte immer noch erheblich.“ [1]

Das änderte sich 2016. Als der Kinofilm „Colonia Dignidad“ mit Emma Watson und Daniel Brühl Anfang 2016 erscheint, nimmt das Auswärtige Amt, inzwischen unter Leitung von Außenminister Frank-Walter Steinmeier, dies zum Anlass, den Film im Ministerium zu zeigen. In einem offiziellen Empfang gab es Gespräche mit dem Filmemacher und Überlebenden der Kolonie. Auch die politische Beteiligung Deutschlands wurde dabei thematisiert. Die Rede vom damaligen Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (inzwischen Bundespräsident, Stand 2017) ist hier dokumentiert. [2]

Zitat aus dieser Rede von Frank-Walter Steinmeier:

„Nein, der Umgang mit der Colonia Dignidad ist kein Ruhmesblatt, auch nicht in der Geschichte des Auswärtigen Amtes. Über viele Jahre hinweg, von den sechziger bis in die achtziger Jahre, haben deutsche Diplomaten bestenfalls weggeschaut – jedenfalls eindeutig zu wenig für den Schutz ihrer Landsleute in dieser Kolonie getan. Auch später – als die Colonia Dignidad aufgelöst war und die Menschen den täglichen Quälereien nicht mehr ausgesetzt waren – hat das Amt die notwendige Entschlossenheit und Transparenz vermissen lassen, seine Verantwortung zu identifizieren und daraus Lehren zu ziehen. […]

Das Auswärtige Amt ist nicht daran schuld, dass es in Chile einen Militärputsch und 17 Jahre Militärdiktatur gab. Es trägt auch keine Verantwortung für das Unwesen, das Paul Schäfer und seine Spießgesellen trieben, teilweise in Verbindung mit den Militärs und Diktatoren. Aber das Amt hätte entschiedener ‚Deutschen nach pflichtgemäßem Ermessen Rat und Beistand‘ gewähren müssen, wie es das Konsulargesetz vorsieht. Und es hätte früher versuchen können, durch diplomatischen Druck die Spielräume der Colonia-Führung zu verengen und juristische Schritte zu erzwingen. Die Botschaft hat es zu lange versäumt, darauf zu beharren, dass deutsche Staatsangehörige – und das waren die Bewohner der Colonia Dignidad ja ganz überwiegend – frei mit Konsularbeamten reden können. Im Spannungsfeld zwischen dem Interesse an guten Beziehungen zum Gastland und dem Interesse an der Wahrung von Menschenrechten ging Amt und Botschaft offenbar die Orientierung verloren.“ [2]

Ähnlich äußerte sich im Sommer 2016 auch der damalige Bundespräsident Joachim Gauck während eines Besuchs in Chile:

„Was die deusche Regierung sicher nicht tun wird, das ist, irgendwelche Wiedergutmachungsansprüche zu akzeptieren, denn die deutsche Regierung hat nicht in Chile die Diktatur gebaut und daran mitgewirkt. Was wir betrauern und bedauern, ist, dass deutsche Diplomaten […] Menschenrechtsverletzungen und Verbrechen nicht ernst genug genommen haben.“  [3]

Einzelgespräche mit Bewohner/innen aus der Colonia Dignidad hatte Gauck bei seinem Chile-Besuch abgelehnt. Für einen Eklat sorgte daraufhin, dass er bei einem offiziellen Empfang in der deutschen Botschaft vor Ort mit einem der verurteilten Täter zusammentraf. [4]

Frank-Walter Steinmeier hat Anfang 2016 Akten aus dem Archiv des Auswärtigen Amtes für Forschung und Aufarbeitung zur Colonia Dignidad vor der üblichen Zeit frei gegeben.

„Die gesetzliche Schutzfrist für die Öffnung der Akten des Politischen Archivs beträgt 30 Jahre, Akten bis 1985 sind also bereits zugänglich. Ich habe entschieden, diese Schutzfrist um zehn Jahre zu verkürzen. Damit machen wir die Akten der Jahre 1986 bis 1996 für Wissenschaftler und Medien zugänglich.“ [2]

Seit Sommer 2016 sind mehrere Online- und Zeitschriften-Artikel erschienen, in denen Details aus diesen Akten journalistisch herausgearbeitet wurden.

Rückblick: Die deutsche Diplomatie ab 1966

In Deutschland waren Schäfers pädokriminelle Folterungen spätestens seit 1966 bekannt, als aus der Colonia Dignidad geflüchtete Menschen in der deutschen Botschaft in Santiago de Chile von den Zuständen in der Kolonie berichteten. [5] Aber das politische Klima des Kalten Krieges sorgte dafür, dass die deutschen Beziehungen zu Chile nicht gefährdet werden sollten, so dass niemand eingriff (mehr zu dieser Entwicklung unter „Warum werden die Täter/innen selten gefasst und verurteilt?“).

Anstatt die Zeugen zu schützen, ermöglichte die deutsche Botschaft nach Recherchen des „Stern“ immer wieder ihre Rückführung in die Colonia Dignidad. Politische und journalistische Anfragen wurden von der deutschen Botschaft wiederholt beschwichtigend beantwortet. Angehörige von Sektenmitglieder gaben wiederholt Briefe und Hilfegesuche aus Chile beim Auswärtigen Amt in Bonn ab, hören aber nie etwas darüber, ob und wie das Amt tätig wurde.

1985 flüchten hochrangige Sektenmitglieder aus der Colonia Dignidad – in die kanadische Botschaft, weil sie den deutschen Diplomaten nicht trauen. [6] Laut dem „Stern“ übergibt das Auswärtige Amt die Berichte an die Staatsanwaltschaft, behandelt die Berichte behördenintern aber als Geheimsache. Norbert Blüm und Heiner Geißler kritisieren die Colonia Dignidad öffentlich. Weiter geschieht nichts. [5]

1977 und 1987 veröffentlichen die Zeitschrift „Stern“ und „amnesty international“ Vorwürfe gegen Paul Schäfers Gewaltherrschaft in der Colonia Dignidad. Der damalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher bestellt daraufhin seinen Botschafter aus Chile ins Ministerium ein, veranstaltet Krisensitzungen und soll laut Stern „getobt“ haben. Genscher wird zitiert mit den Worten „Wir nehmen diese Vorwürfe sehr ernst“.  Eine deutsche Untersuchungskommission wird nach Chile geschickt, aber die 300 deutschen Sektenmitglieder stimmen angeblich einstimmig ab, den Besuch nicht in die Colonia Dignidad hinein zu lassen. Die Delegation fliegt wieder nach Deutschland zurück. [5]

Die lange Untätigkeit bestätigte auch die Bundesregierung unter Angela Merkel 2016 offiziell in einer Antwort auf eine kleine Anfrage der Linken.

„Aus drei Sachakten des Bundesnachrichtendienstes, deren Inhalte sich teilweise auf die „Colonia Dignidad“ beziehen, geht hervor, dass der Bundesnachrichtendienst Kenntnis von einer Mitteilung in der chilenische Presse hatte, die die „Colonia Dignidad“ im Jahre 1966 und unter anderem dortige „KZ-ähnliche Methoden“ erwähnt.“ [7]

Erst ab 1987 aber sei das Auswärtige Amt diesen Vorwürfen nachgegangen. [8]

Der „Stern“ berichtete ebenfalls 1987 darüber, dass der damalige deutsche Botschafter in Santiago und seine Frau sich in der Kolonie bewirten ließen. Außerdem hätten Sektenmitglieder auf Staatskosten den Dienstwagen des Botschafters repariert und lackiert oder für ihn Dachreparaturen durchgeführt. Botschaftsangehörige würden in der Kolonie ihren Urlaub verbringen. [9]

Die chilenische Regierung

Von 1970 bis 1973 regiert der Sozialist Salvador Allende in Chile. Da die Colonia Dignidad inzwischen zu einer Wirtschaftsmacht in Chile geworden war und viel für die Infrastruktur und Erschließung des Landes getan hatte, tastete er die Kolonie nicht an. Schäfer hingegen hatte seine Anhänger/innen beten lassen, dass Allende die Wahlen 1970 verliert, weil er Enteignungen fürchtete. [10] Während Allendes Regierung waren bereits Führer der faschistischen Terror-Organisation „Patira y Liberdad“ in der Colonia Dignidad untergetaucht, berichtete der „Stern“ später. [9]

Nach dem Militärputsch von Augusto Pinochet 1973 wurden auch politische Regime-Gegner in Chile in der Colonia Dignidad gefoltert. Bis 1990, als Pinochet als Präsident abgewählt wurde,  unterhielt Schäfer einen guten Kontakt zu ihm. Pinochet und seine Gattin waren gern gesehene Gäste in der Colonia Dignidad.

Der chilenische Geheimdienst

Auch der chilenische Geheimdienstchef Manuel Contreras und seine Frau ließen sich in der Colonia Dignidad bewirten, berichtete der „Stern“ schon 1987. [9] Contreras wurde für tausendfachen Mord verantwortlich gemacht. Sektenmitglieder bestätigten seine Besuche in der Kolonie. Und ehemalige Geheimdienstmitarbeiter sagten übereinstimmend mit politischen Häftlingen und Überlebenden aus, dass auf dem Gelände der Kolonie nach dem Putsch ein geheimes Folterzentrum des chilenischen Geheimdienstes DINA gewesen sei. [9], [1], [2], [11] Im Gegenzug haben Geheimdienst-Mitarbeiter einzelne Sektenmitglieder zu einem „Sicherheitstrupp“ ausgebildet, der die Bewohner der Colonia Dignidad an der Flucht hindern und bewachen sollte. [12]

Die Colonia Dignidad war in Deutschland ab 1973 gemeinnützig. Das bedeutete z.B. Vorteile im Im- und Export: Lieferungen an die Colonia Dignidad wurden vom Zoll teilweise nicht mehr kontrolliert. So unterlief die Kolonie z.B. das UN-Waffenembargo gegen Chile, indem sie sich Waffen liefern ließ, die sie an die Pinochet-Regierung weiter gab. [13]

Die besondere Unterstützung durch die CSU

Politische Unterstützung erhielt Paul Schäfer auch von Deutschland aus. Insbesondere der bayerische Ministerpräsident Franz-Josef Strauß und sein Umfeld galten als „Gönner und Beschützer“ Paul Schäfers. [14] Nach einem Chile-Besuch formiert sich sogar ein offizieller deutscher „Freundeskreis“ – Organisator war laut Stern ein bekannter deutscher Waffenhändler. Auch ein bekannter ZDF-Moderator verteidigte Schäfer öffentlich gegen Vorwürfe. An der Würzburger Universität bildete sich eine Unterstützergruppe für die Colonia Dignidad, die mehrfach Reisen nach Chile unternahm. Zwei Würzburger Gelehrte arbeiteten auch offiziell an der neuen chilenischen Verfassung mit. [14]

Der Rentenskandal, die Menschenrechte, Norbert Blüm und Heiner Geißler 1987

Die CDU-Politiker Norbert Blüm und Heiner Geißler hingegen benannten ab Mitte der 1980er Jahre die Menschenrechtsverletzungen in Chile. [14] 1987 zum Beispiel sprach Blüm die Menschenrechtsfragen bei einem offiziellen Besuch in Chile an und sorgte 1988/89 als Arbeitsminister dafür, dass deutsche Rentenzahlungen für in der Kolonie gemeldete deutsche Rentner eingestellt wurden, weil diese wahrscheinlich längst verstorben waren (siehe die „Kleine Chronologie“ unter „Urteile im Ausland“). [15] Aufgrund dieser CDU-Positionierung wurden die Stimmen der Unterstützer aus Bayern leiser und es hieß auf einmal, „weder die CSU als Partei noch die Münchner Regierung hätten die Kolonie unterstützt, sondern nur einzelne CSU-Mitglieder“. [9]

Die Regierungszeit von Gerhard Schröder, SPD (1998-2005) und danach

Die Haltung der SPD zur Colonia Dignidad wird nur selten in der Berichterstattung thematisiert. So soll sich Bundeskanzler Gerhard Schröder 2002 (Paul Schäfer war zu dieser Zeit in Argentinien untergetaucht) bei einem Gipfeltreffen in Stockholm auch nach zwei Personen aus der Colonia Dignidad erkundigt haben. In dem insgesamt halbstündigen Gespräch sei es aber auch noch um Wirtschafts-, Finanz- und Militärfragen gegangen. [16]

Im Jahr 2005, als Paul Schäfer verurteilt wird, bieten das Auswärtige Amt und die deutsche Botschaft den Bewohner/innen der Colonia Dignidad  Informationen und Beratung an. [17]

2008  sagen zwei Geflüchtete aus der Colonia Dignidad vor der Staatsanwaltschaft in Bonn aus – das Verfahren wird eingestellt. Im gleichen Jahr erhält ein anderer Bewohner, der sich öffentlich für die Überlebenden engagiert, das Bundesverdienstkreuz für dieses Engagement. [18]

2011 genehmigt und finanziert der deutsche Bundestag 245.000 Euro, um die Bewohner/innen in der Colonia Dignidad psychologisch zu betreuen, auszubilden und bei dem Aufbau eigener Arbeitsplätze in Chile zu unterstützen. Die Journalistin Ulla Fröhling schrieb dazu:

„Maßnahmen zur Integration von Opfern der Colonia Dignidad in die bundesdeutsche Gesellschaft sind nicht vorgesehen. Das ist ein deutliches Zeichen: „Die Opfer sollen bleiben, wo sie sind. Und mit ihnen das Problem.“ [19]

Die Aussteiger/innen der Colonia Dignidad, die nach Deutschland, Österreich und in die Schweiz geflüchtet sind, leben meist in Armut, weil sie hier keine Renten erhalten. Diejenigen, die in Chile geblieben sind und auf dem Gelände der Kolonie inzwischen ein Freizeit- und Tourismuszentrum betreiben, haben wenigstens ein Auskommen.

Quellen:
[1] Buch Fröhling, Ulla, „Unser geraubtes Leben“, Köln 2012, S. 11
[2] Rede von Außenminister Frank-Walter Steinmeier am 26.4.2016
[3] Fernsehreportage „Die Sekte der Folterer“, ARD Erstausstrahlung 14.11.2016, bei youtube abgerufen am 6.2.2017. O-Ton bei ca. 42:18 Minuten. Wir haben minimale Fehler der wörtlichen Rede bei der Verschriftlichung korrigiert.
[4] Kurzmeldung auf Spiegel-Online unter „Personalien“ vom 16.7.2016, ganz unten, „Opfer düpiert“, abgerufen am 27.2.2017

[5] Der Stern berichtete mehrfach über die Entwicklungen. Einige Artikel liegen uns im Original vor, allerdings ohne konkretes Veröffentlichungsdatum. Wir beziehen uns auf die Berichte „Helft, helft bitte, lasst mich nicht allein“ (wahrscheinlich Mitte 1988), „Lokaltermin im Lager des Schreckens“ (wahrscheinlich 1988 oder später) und „Ein deutscher Skandal – Das Lager des Schreckens“ aus der Ausgabe 49/50 1987.
[6] Artikel auf Spiegel.de 11.7.2016, „Colonia Dignidad – Dokumente des Terrors“
[7] Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken, 28.7.2016, Bundestagsdrucksache 18/9261, Antwort auf Frage 30
[8] Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken, 28.7.2016, Bundestagsdrucksache 18/9261, Antwort auf Frage 2
[9] Zeitschriftenartikel „Stern“ Ausgabe 49/50 1987, „Ein deutscher Skandal Teil II – Das Lager des Schreckens“, S. 208
[10]
Buch Fröhling, Ulla, „Unser geraubtes Leben“, Köln 2012, S. 211
[11] Interviews mit einem Überlebenden der DINA-Folter gibt es in der Fernsehreportage „Die Sekte der Folterer“, ARD Erstausstrahlung 14.11.2016, ca. ab Minute 19:00, bei youtube abgerufen am 6.2.2017.
[12] Buch Fröhling, Ulla, „Unser geraubtes Leben“, Köln 2012, S. 244
[13] Online-Artikel auf www.spiegel.de vom 24.2.2016, „Da muss ein Museum rein oder der Bulldozer“, Fotostrecke, Bild 13
[14] Zeitschriftenartikel „Stern“ Ausgabe 49/50 1987, „Ein deutscher Skandal Teil II – Das Lager des Schreckens“, S. 206f.
[15] Fernsehreportage „Die Sekte der Folterer“, ARD Erstausstrahlung 14.11.2016, ca. ab Minute 32:00, bei youtube abgerufen am 6.2.2017.
[16] Bericht aus der Zeitung El Sur 24.2.2002, zitiert nach der Webseite der AGPF – Aktion für Geistige und Psychische Freiheit – Bundesverband Sekten- und Psychomarktberatung e.V.
[17] Buch Fröhling, Ulla, „Unser geraubtes Leben“, Köln 2012, S. 268
[18] Buch Fröhling, Ulla, „Unser geraubtes Leben“, Köln 2012, S. 272 und 298
[19] Buch Fröhling, Ulla, „Unser geraubtes Leben“, Köln 2012, S. 292, kursive Hervorhebung aus dem Buch-Text übernommen.

 

 

 


Psychologische / medizinische Hintergründe


Wer sich für die Methoden und Folgen von Paul Schäfers Gehirnwäsche näher interessiert, dem empfehlen wir weitergehende Literatur und Quellen.

In ihrem Buch „Unser geraubtes Leben“ [1] beschreibt die Journalistin Ulla Fröhling detailliert, wie Paul Schäfer…

  • … Überwachung und Denunziation, Verwirrung, Isolation und körperliche Gewalt einsetzte, um seinen Anhänger/innen das eigene Denken auszutreiben.
  • … wie gezielt und bewußt er den Grundsatz „Teile und Herrsche“ (Divide et Impera) auf vielfältigste Weise in die Tat umsetzte.
  • … die Beziehungen und die Beziehungsfähigkeit seiner Anhänger/innen zerstörte. Er trennte Kinder von Eltern und Ehepaare untereinander, säte Zwietracht und bestrafte Freundschaften.
  • … gleichzeitig Zwangsehen befahl, schon Kindern sexualisierte Gedanken und sexualisiertes Verhalten unterstellte und bestrafte.
  • … eine eigene Sprache und eigene Vokabeln etablierte, um die Gruppe seiner Anhänger/innen nach innen zusammen zu schweißen und nach außen zu isolieren.
  • … ein sehr feines Gespür dafür hatte, welche Kinder und Erwachsenen anfällig für seinen Charme waren. Er spürte genau, wer sich alleingelassen fühlte, wer auf der Suche nach Gemeinschaft und Anerkennung war, und wen er so an sich binden konnte.
  • … systematisch gruppendynamische Prozesse einsetzte, um seine Macht zu festigen. So definierte er z.B. eine Gruppe Mädchen ohne weitere Begründung als „die Vögel“, die jahrelang sozial isoliert von den anderen Sektenmitgliedern aufwuchsen und die nicht an Gruppenaktivitäten, z.B. beim gemeinsamen Essen, teilnehmen durten. Stattdessen mussten sie sich wegdrehen, wenn sie anderen Gruppen begegneten, und durften diese nicht ansprechen. Während der Mahlzeiten standen sie in einem separaten Raum, schauten den anderen zu und konnten von den anderen gesehen werden. Dies wurde eingesetzt als eine Warnung für alle anderen, die nicht zu „den Vögeln“ gehörten. (Forschungsergebnisse und Effekte nachzulesen unter dem Stichwort „Stanford-Prison-Experiment“)
  • … gezielt hohe Dosierungen von Medikamenten gegen psychische Krankheiten verabreichte (Schizophrenie, Psychosen, Epilepsie usw.), ohne dass entsprechende Diagnosen vorlagen. (S. 275 und 277)

Wir können hier nicht alle Aspekte aufzählen – wer sich für Täterstrategien interessiert, findet in Ulla Fröhlings Buch eine Menge dazu.

Weitere Leseempfehlung: Die Arbeit des Psychiaters Niels Biedermann. Das Auswärtige Amt errichtete 2005 eine psychologische Betreuung für die verbliebenen Bewohner/innen der Colonia Dignidad, die von Niels Biedermann geleitet wurde. [2], [3], [4] Biedermann hat zum Beispiel auffällige amnestische Episoden in den Erinnerungen von Frauen in der Colonia Dignidad festgestellt, als deren Ursache er Elektrokrampfbehandlungen im Alter zwischen 9 und 12 Jahren vermutet. [5]

Aufschlussreich für Fragen nach psychologischen Effekten dürfte auch der Dokumentarfilm „Deutsche Seelen“ sein, in dem die Überlebenden der Colonia Dignidad in Chile unkommentiert zu Wort kommen [6] – dieser Film lag uns bei der Zusammenstellung dieser Informationen aber nicht vor.

Quellen:
[1] Buch Fröhling, Ulla, „Unser geraubtes Leben“, Köln 2012
[2] Zeitschriftenartikel Ärztezeitung 6.7.2009, „Das Leben in Würde muss erst noch gelernt werden“, abgerufen am 6.3.2017
[3] Artikel auf Spiegel-Online vom 21.10.2005, „Die verwaisten Seelen der Colonia Dignidad“, abgerufen am 6.3.2017
[4] Bericht einer Tagung von Amnesty International 2006, bei der Prof. Niels Biedermann mit auf dem Podium saß, abgerufen am 6.3.2017
[5] Buch Fröhling, Ulla, „Unser geraubtes Leben“, Köln 2012, S. 206f.
[6] Webseite zum Film „Deutsche Seelen“, 2009, aberufen am 6.3.2017


Religiöse und Ideologische Hintergründe


Vor seiner Ausreise nach Chile arbeitete Paul Schäfer als christlicher Kreisjugendpfleger, Diakon und zeitweise Baptistenprediger. Als er immer wieder bei Gemeindeleitungen und -angehörigen wegen sexualisierter Gewalt gegen Kinder  auffiel, gründete er eine eigene Gemeinde oder Sekte: Die „Private Sociale Mission“. Dies war ein Teil seiner pädokriminellen Strategie: „Ich brauche einen Ort, an dem mir niemand hinein riecht.“ (siehe dazu auch die Rubrik „Warum werden Täter selten gefasst und verurteilt? – Weitgehend geschlossene, hierarchische Systeme“)

Die christliche Ethik von kirchlichen Arbeitgebern, das Gute im Menschen zu sehen und ihnen immer wieder eine Chance zu geben, ist verlockend für pädokriminelle Menschen. Dies stellte die Kriminalpsychologin Anna Salter in ihren Forschungen fest (siehe die Rubrik „Warum werden Täter selten gefasst und verurteilt? – Die christliche Ethik“).

Die Journalistin Ulla Fröhling legt in Ihrem Buch [1] ausführlich dar, wie Paul Schäfer sich selbst systematisch als Jesus und „wegen des wahren Glaubens Verfolgter“ inszeniert und darstellt. Insbesondere, wenn er mit seinen pädokriminellen Übergriffen aufgefallen ist und der Verlust von Arbeitsplätzen droht, betont er demnach bereits im Vorfeld bei seinen Sektenanhängern die Tatsache, dass „die guten Christenmenschen schon immer für ihren Glauben verfolgt“ worden seien. Wenn seine Arbeitgeber ihn dann wirklich angriffen oder entließen, war es leicht für ihn, vom inhaltlichen Vorwurf abzulenken und sich als Märtyrer zu inszenieren.

Später setzte der Gott als Siegel und Zeugen ein. Er betete mit seinen Opfern nach einer Missbrauchssituation („Gott besiegelt unser Geheimnis“) [2] und nutze Erkenntnisse aus der Beichte dafür aus, seine Anhänger/innen später zu erpressen.

Die Aussteiger/innen aus der Colonia Dignidad fielen auch spirituell in ein tiefes Loch, nachdem sie die Colonia Dignidad verlassen hatten. Zurück in Deutschland wandten sie sich häufig wieder an kirchliche Einrichtungen, meist wieder an freikirchliche Gemeinden, und wurden dort aufgefangen. [3]

Quellen:
[1] Buch Fröhling, Ulla, „Unser geraubtes Leben“, Köln 2012
[2] Buch Fröhling, Ulla, „Unser geraubtes Leben“, Köln 2012, S. 38
[3] Buch Fröhling, Ulla, „Unser geraubtes Leben“, Köln 2012, S. 275f.

 


Soziale und gesellschaftliche Faktoren


Paul Schäfers Flucht aus Deutschland und die extremen Ereignisse in der Colonia Dignidad waren in vielen Aspekten nur möglich durch den speziellen Zeitgeist. Deutschland war in den 1960er Jahren beschäftigt mit seinem Wiederaufbau und Verwirrungen zur Neufindung einer Identität, gleichzeitig formierten sich weltweit nach und nach die Fronten des Kalten Krieges. (Näheres dazu siehe unter „Was sagt die Politik?“)

Ein weiteres Strukturelement der deutschen Gesellschaft, das Paul Schäfer sich zunutze machte, ist der Föderalismus. Da Justiz und Polizei Ländersache sind, entging Schäfer immer wieder Ermittlungen, indem er einfach von einem Bundesland ins nächste umzog. [1] Dieses Verhalten ist auch bei anderen Tätern zu beobachten, z.B. hier.

Unterstützt wurde die Colonia Dignidad aus Deutschland vor allem von der CSU. Das konservative christliche und süddeutsche Gesellschaftsbild wurde von Schäfer in der Colonia Dignidad perfekt nachgebaut: Mädchen mit straffen Zöpfen, Männer und Jungen in kurzen Hosen und mit karierten Hemden. Dies beeindruckte und freute die Besucher aus Bayern und stärkte Schäfers positiven Ruf. [2] Die Berichte Geflüchteter über Misshandlungen, Folter und Morde wurden daraufhin nicht ernst genommen.

Abseits der menschlichen Schicksale kam 1987/88 eine ganz anders gelagerte gravierende gesellschaftliche Auswirkung der Colonia Dignidad auf Deutschland ans Tageslicht: Die illegalen Rentenzahlungen. Jahrelang hatte der deutsche Staat Renten für Menschen in der Colonia Dignidad gezahlt, die zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich schon gar nicht mehr am Leben waren. (Details sind nachzulesen unter „Was sagt die Politik? – Der Rentenskandal“ und unter „Urteile in Deutschland – Kleine Chronologie“) Es wird vermutet, dass Millionenbeträge aus der deutschen Rentenkasse in Paul Schäfers Taschen geflossen sind.

Im Jahr 2005, als Schäfer gefaßt wird, und später noch einmal 2011, finanziert die deutsche Regierung mehrere Eingliederungsmaßnahmen und psychologische Hilfe für die Bewohner/innen der Colonia Dignidad. Diese Maßnahmen haben aber immer das Ziel, dass die Menschen in Chile bleiben sollen. (siehe dazu auch die Rubrik „Was sagt die Politik?“) Für diejenigen, die zurück nach Europa kommen, gibt es keine staatliche Unterstützung – nicht mal Rente, denn sie haben ja ihr Leben lang in Chile gearbeitet und nicht ins deutsche Rentensystem eingezahlt. Selbst Erbschaften hat Paul Schäfer ihnen abgenommen. [3]

Quellen:
[1] Buch Fröhling, Ulla, „Unser geraubtes Leben“, Köln 2012, S. 26
[2] Nicht zuletzt heißt die Colonia Dignidad heute „Villa Baviera“.
[3] Buch Fröhling, Ulla, „Unser geraubtes Leben“, Köln 2012, S. 276

 


Mediale Einflüsse und Folgen


Es gibt unzählige Berichte, Bücher und Filme über die Colonia Dignidad. Die Journalistin Ulla Fröhling bemerkt allerdings eine Besonderheit:

„Bücher von Überlebenden der Colonia Dignidad kann man an einer Hand abzählen. Die meisten schweigen bis heute.“ [1]

Quellen:
[1] Buch Fröhling, Ulla, „Unser geraubtes Leben“, Köln 2012, S. 285