Michael Dietmar Eschner und der Thelema-Orden in Lüneburg

Am 3.7.1992 wurde Michael Dietmar Eschner wegen sexueller Nötigung in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung eines Gruppenmitglieds der von ihm geleiteten Sekte verurteilt. Es gibt noch weitere Urteile rund um diesen Fall.

Tatzeit von:


1. Januar 1983
(geschätzt nach Quellenlage)

Tatzeit bis:


31. Dezember 2001
(geschätzt nach Quellenlage)

Urteil/Anlass Datum:


3. Juli 1992

Stadt:


Lüneburg

Bundesland/Landstrich:


Niedersachsen

Land:


Deutschland

Ist Rituelle Gewalt in Deutschland strafbar?


1992 verhängte das Landgericht Lüneburg eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren gegen Eschner. In der Urteilsbegründung werden die sexuellen Handlungen eindeutig mit magischen Ritualen in Verbindung gebracht.[1] Das knapp 500 Seiten starke Urteil ist nicht öffentlich.[2]

Thorsten Becker (2010) weist darauf hin, dass die 1992 verurteilte Tat im Rahmen eines so genannten „Ausbildungsabends“ stattfand und nicht im Rahmen einer „Messe“ oder „kultischen Handlung.[2] Andere Quellen hingegen sind sich einig, dass es sich bei Eschners Verurteilung eindeutig um Rituelle Gewalt handelt. Unter anderem wird es 1998 von der Bundesregierung in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage als einer der wenigen Belege für Rituelle Gewalt in Deutschland aufgeführt.[3]

Weitere Urteile

Schon 1970 steht Eschner wegen Straftaten im Zusammenhang mit der Thelema-Lehre vor Gericht und wird wegen Verbreitung unzüchtiger Schriften, wegen Untreue, Betruges, Unterschlagung und betrügerischen Bankrotts verurteilt.[4] Andere Autoren datieren ein Urteil zu dreieinhalb Jahren Gefängnisstrafe wegen Betruges auf 1972 [5] – dies könnte auf das gleiche Verfahren zurück gehen.

1983 ist Eschner in Berlin er Leiter des „Thelema Orden des Argentum Astrum e.V.“. Bei einer Hausdurchsuchung auf der Suche nach Drogen findet die Polizei Ritualwerkzeuge wie Dolche und Kurzschwerter. Dies ist nach alliierten Bestimmungen in Berlin unerlaubter Waffenbesitz. Die Staatsanwaltschaft eröffnet daraufhin ein Verfahren wegen des Verdachts auf Körperverletzung, Bedrohung und Nötigung. Außerdem wird ein Vereinsverbot geprüft. 1985 fällt das Verwaltungsgericht ein Urteil, in dem es feststellt, Ziel von Eschners Thelema-Organisation sei die Umkonditionierung des Menschen zu einer höheren Bewußtseinsstufe durch erzwungenen Sexualverkehr, Ekeltraining usw.[5], [6], [7] (siehe auch „Religiöse oder ideologische Hintergründe“)

1996 ist Eschner noch in Haft, es wird ihm aber vorgeworfen, seine Thelema-Gemeinschaft an Wochenenden als Freigänger weiter zu führen und dort auch weiter Sexualstraftaten mit Gruppenmitgliedern zu begehen. „Dies wäre ein klarer Verstoß gegen die Bewährungsauflagen“, schreibt Rainer Fromm.[7] 2002 werden zwei seiner Sektenmitglieder zu Geldstrafen verurteilt, weil sie während dieser Zeit eine Frau zum Verkehr mit Eschner gezwungen haben sollen.[8] Ein eingeleitetes Ermittlungsverfahren gegen Eschner in dieser Sache wurde 2001 eingestellt mit der Begründung, die Klägerin hätte sich nicht ausreichend gegen die Übergriffe gewehrt. (Zitat des Staatsanwaltes bei Fromm 2003).[9]

Am 13.11.2007 stirbt Michael Dietmar Eschner in seinem Haus an Herzversagen.[10]

Quellen:
[1] Aktenzeichen des Urteils: 22KLs/31 JS 20445/87 (4/89) vom Landgericht Lüneburg
[2] Buchartikel Becker, Thorsten, „Rituelle Gewalt: Was wir über Gewalt ausübende, ideologische Kulte, Täter und Täterstrukturen wissen – eine Betrachtung“, in „Handbuch Rituelle Gewalt“, herausgegeben von Claudia Fliß und Claudia Igney, Pabst Science Publishers, Lengerich 2010
[3] Bundestags-Drucksache 13/11275 vom 23.7.1998
[4] Buch Teske, Martin, „Spirituelle Abenteuer“, Verlag make a book 2008, kindle Edition
[5] Buch Grandt, Guido und Michael, „Schwarzbuch Satanismus“, Knaur Verlag München 1996, S. 220
[6] Aktenzeichen des Urteils: VG6A84, 85 vom Verwaltungsgericht Berlin 1985
[7] Buch Fromm, Rainer, „Satanismus in Deutschland“, Olzog-Verlag Müncen 2003, S. 113
[8] Eines der Aktenzeichen ist 11 Cs/151 Js 2079/99 (240/01) beim Amtsgericht Dannenberg, das andere Aktenzeichen ist uns nicht bekannt.
[9] Buch Fromm, Rainer, „Satanismus in Deutschland“, Olzog-Verlag München 2003, S. 114
[10] Wikipedia-Seite zu Michael Dietmar Eschner, abgerufen am 11.10.2016


Welche Rolle spielt sexualisierte Gewalt?


Eschner hat sich intensiv mit der Sexualmagie des Aleister Crowley beschäftigt und eigene Texte dazu veröffentlicht. Die mystische Aufladung von Sexualität, die Kräfte, die kontrolliert werden oder umgeleitet werden sollen, die bei sexuellen Handlungen entstehen sowie detailierte Beschreibungen von sexualmagischen Praktiken und Gewaltakten sollen hier aus Jugendschutzgründen nicht wiedergegeben werden. Wer mehr über die Hintergründe von Sexualmagie lesen möchte, kann dies z.B. im „Schwarzbuch Satanismus“ von Guido und Michael Grandt ab Seite 102 tun[1], oder in Rainer Fromms Buch „Satanismus in Deutschland“ ab Seite 117.[2]

Fest steht, dass es in Eschners Thelema-Orden zu sexuellen Handlungen mit starker Gewaltausübung kam. So beschreibt das Urteil gegen ihn von 1992 Bisse in die Brust oder ausgedrückte Zigaretten und Brandwunden im Genitalbereich seines Opfers.[3] Ebenso belegten die Urteile gegen zwei weitere Sektenanhänger von 2002 (siehe oben in der Anzeige „Ganzer Fall“), dass sexualisierte Gewalt in der Gruppe geduldet und gefördert wurde.

Quellen:
[1] Buch Grandt, Guido und Michael, „Schwarzbuch Satanismus“, Knaur Verlag München 1996, Seite 102ff.
[2] Buch Fromm, Rainer, „Satanismus in Deutschland“, Olzog-Verlag München 2003, S. 117ff.
[3] Zitiert nach Buch Fromm, Rainer, „Satanismus in Deutschland“, Olzog-Verlag München 2003, S. 112

 


Wer sind die Täter/innen?


Michael Dietmar Eschner war gelernter Elektrofachmann und Computerprogrammierer.[1] Er sah sich als Reinkarnation des Satanisten Aleister Crowley [2], übersetzte und veröffentlichte Crowleys Schriften auf Deutsch und entwickelte Crowleys Lehren weiter.[3] (Mehr dazu siehe „Religiöse und ideologische Hintergründe“).

Er starb am 13.11.2007 in seinem Haus an Herzversagen.[4]

Unter den zwei weiteren verurteilten Mitgliedern des Thelema-Netzwerkes (siehe oben „Urteile in Deutschland“) ist auch seine ehemalige Lebensgefährtin.[5]

Quellen:
[1] Buch Fromm, Rainer, „Satanismus in Deutschland“, Olzog-Verlag München 2003, S. 109
[2] Fernsehdokumentation „Der Gott des Grauens“, von Martin Papirowski und Kerstin Rickertsen, NDR 26.3.1992
[3] Buch Teske, Martin, „Spirituelle Abenteuer“, Verlag make a book 2008, Kindle Edition
[4] Wikipedia-Seite zu Michael Dietmar Eschner, abgerufen am 11.10.2016
[5] Aktenzeichen 11 Cs/151 Js 2079/99 (240/01) beim Amtsgericht Dannenberg


Was sagt die Politik?


Die Bundesregierung ordnet diesen Fall 1998 offiziell als Rituelle Gewalt ein. In ihrer Antwort auf eine Kleine Anfrage der Abgeordneten Renate Rennebach, Dr. Monika Ganseforth, Dr. Jürgen Meyer (Ulm), Ulla Schmidt (Aachen), Gisela Schröter, Cornelie Sonntag-Wolgast u.a. führt die Bundesregierung am 23.7.1998 das Urteil gegen Eschner als eines der bekannten Beispiele für Rituelle Gewalt auf. [1]

Quellen:
[1] Bundestags-Drucksache 13/11275 vom 23.7.1998

 


Religiöse und Ideologische Hintergründe


Michael Dietmar Eschner war bis zu seinem Tode 2007 der Kopf der Thelema-Gruppierung, die unter verschiedenen Namen in Deutschland auftrat. Als Übersetzer und Verkünder der Lehren Aleister Crowleys war er in Fachkreisen aber durchaus umstritten.

Eschner gründete in Berlin den „Thelema Orden des Argentum Astrum e.V.“ und ließ ihn am 1.12.1982 ins dortige Vereinsregister eintragen. [1] In ihrer Antwort auf eine Kleine Anfrage der Abgeordneten Renate Rennebach, Dr. Monika Ganseforth, Dr. Jürgen Meyer (Ulm), Ulla Schmidt (Aachen), Gisela Schröter, Cornelie Sonntag-Wolgast u.a. nennt die Bundesregierung am 9.7.1998 den „Thelema-Orden des Agentum Nostrum“ kurz „satanistisch“. [2]

Nach einem Verwaltungsgerichtsverfahren 1985 (siehe unter „Urteile in Deutschland“) wird der Orden von den Vereinsmitgliedern aufgelöst, wohl um einer Zwangsauflösung zuvor zu kommen. [3] In diesem Urteil heißt es wörtlich:

„Ziel des Ordens ist die Umkonditionierung des Menschen zu einer höheren Bewußtseinsstufe. Dies soll erreicht werden durch die Zerstörung der bisherigen Moralvorstellungen, Neugliederung der gesellschaftlich anerkannten Lebensform und Lösung der bisherigen solzialen Konditionierung. Unter anderem durch erzwungenen Sexualverkehr, durch ein sogenanntes Ekel-Training – Urin trinken und Kot essen – sollen die Betroffenen ihre natürlichen Hemmschwellen überwinden, wobei ggf. Alkohol als Hilfsmittel eingesetzt wird. Die Höchstdauer der täglichen Nachtruhe ist auf sechs Stunden begrenzt, was offenbar dazu dienen soll, die natürliche körperliche und psychische Widerstandskraft gegen die Umkonditionierung auf Dauer zu schwächen. Dem Leiter des Vereins oder einzelnen Ausbildern sind die Angehörigen des Ordens unbedingten Gehorsam schuldig. Die damit angestrebte psychische Abhängigkeit, die Isolierung von der Außenwelt, das Loslösen vom Leben in der Gemeinschaft sowie der Ausschluß der eigenverantwortlichen Willensbildung und Lebensgestaltung widerspricht der Zielsetzung des Bundessozialhilfegesetzes.“[4]

Insgesamt vertrat Eschner mit seiner Version des Thelema-Glaubens eine staats- und demokratiefeindliche Auffassung (siehe „Soziale und gesellschaftliche Faktoren“).[5]

Michael Dietmar Eschner bezeichnet sich mehrfach als Reinkarnation des Satanisten Aleister Crowley.[6] Schon mit dem Namen seiner Gruppe bezieht er sich auf Crowley: Thelema ist griechisch und bedeutet „Der Wille“ [7] und die Anhänger von Crowley nennen sich nicht „Crowleyaner“ oder ähnliches, sondern Thelemiten.

Andere Thelemiten oder Kenner des O.T.O., des Ordo Templi Orientis, zu dem Crowley gehörte, distanzieren sich von Eschner.

So beschreiben die Brüder Guido und Michal Grandt in ihrem „Schwarzbuch Satanismus“, wie sie 1993 die von Crowley gegründete „Abtei Thelema“ in Stein in der Schweiz besuchten. Die dortige Leiterin Annemarie Äschbach distanziert sich deutlich von Eschner, seiner Gruppe, seinem Handeln und seinen Übersetzungen.[8]

Der O.T.O.-Experte Peter-R.König geht noch einen Schritt weiter. In einem Interview mit Andreas Huettl sagt er, über Eschner wolle er nicht reden, denn es gebe nach seinen Recherchen keine Verbindung zum O.T.O.:

„Eschner hat niemals einen auch nur entfernten Kontakt oder eine Verwandtschaft mit irgendeiner Art von O.T.O. reklamiert. Deshalb hat er nichts mit dem O.T.O.-Phänomen zu tun. Ich habe die Gruppe um Eschner zweimal Anfang der 90er Jahre für ein paar Tage besucht, um mich davon zu überzeugen. Man kocht da ein eigenes Süppchen aus Paul Watzlawick, Timothy Leary, Neurolinguistischer Psychologie und populärwissenschaftlicher Literatur, was alles viel zu wenig mit meinem Interessengebiet zu tun hat. Was die Publikationen der Gruppe um Eschner anbetrifft, so habe ich mich immer ein wenig darüber gewundert, dass niemandem deren Plagiatscharakter aufgefallen ist.“ [9]

Quellen:
[1] Buch Grandt, Guido und Michael, „Schwarzbuch Satanismus“, Knaur Verlag München 1996, S. 220

[2] Bundestags-Drucksache 13/11275 vom 23.7.1998
[3] Buch Grandt, Guido und Michael, „Schwarzbuch Satanismus“, Knaur Verlag München 1996, S. 224f.
[
4] zitiert nach Buch Grandt, Guido und Michael, „Schwarzbuch Satanismus“, Knaur Verlag München 1996, S. 224

[5] Buch Teske, Martin, „Spirituelle Abenteuer“, Verlag make a book 2008, kindle Edition
[6] Fernsehdokumentation „Der Gott des Grauens“, von Martin Papirowski und Kerstin Rickertsen, NDR 26.3.1992
[7] Buchbeitrag „Wieder nur eine Skandalgeschichte?“, Bea M. im Gespräch mit Ulla Fröhling in Buch: „Respekt und Würde“, Wildwasser Berlin, Verlag mebes&noack, Köln 2007, S. 67
[8] Buch Grandt, Guido und Michael, „Schwarzbuch Satanismus“, Knaur Verlag München 1996, S. 231ff. und 234
[9] Buch Huettl, Andreas und Peter-R. König, „Satan – Jünger, Jäger und Justiz“, Kreuzfeuer-Verlag 2006 (Jahreszahl nach Angabe amazon.de), Seite 242

 


Soziale und gesellschaftliche Faktoren


Michael Dietmar Eschner vertrat eine Weltanschauung, die sich über Staat, Justiz und Ideologie erhaben fühlt. Der Journalist und Theologe Martin Teske zitiert von Eschner folgende Worte:

„Die heutige Justiz … beruht auf willkürlichen, von Menschen ausgedachten Gesetzen, welche aus diesem Grund nicht Recht, sondern Unrecht sind. Kein Mensch muss sich an diese Gesetze halten, denn sie sind ungültig. Man kann sogar noch weiter gehen und sagen, es ist Recht, diese Gesetze im Namen des höheren Rechts zu bekämpfen![1]“

Etwas später in seinem Buch erläutert Teske die Problematik, die sich daraus für die Gerichtsverfahren gegen Eschner und seine Sektenmitglieder ergibt:

„Was ist seine Aussage, was sind die Aussagen seiner Jünger wert, die den Sturz des geltenden Rechtssystems zu einem ihrer Ziele erklärt haben? Für das Gericht ergeben sich Fragen über Fragen. Nicht nur nach einer für die Thelema-Jünger akzeptablen Eidesformel ist hier zu fragen, sondern auch nach dem Wahrheitsgehalt ihrer Aussagen. Die Zeugen sind weitgehend dekonditioniert, haben also die üblichen Verhaltensweisen und Wertvorstellungen verloren. Unter Eschners Anleitung hatten sie die fragliche Nacht, aus der die Anklage auf Vergewaltigung und gefährliche Körperverletzung resultiert, immer wieder nachgespielt und an mehreren Abenden nachträglich besprochen. Was zählt es da, wenn der Vorsitzende Richter die Zeugen darum bittet, in diesen Fragen nun nichts mehr gemeinsam zu verhandeln? Der Rechtsstaat ist gegenüber dem Satansorden im Nachteil. Er muss sich an seine eigenen Spielregeln halten, die der Gegner negiert.“

Gemeint ist das Gerichtsverfahren zur Anklage 1992 (siehe „Urteile in Deutschland“).

Quellen:
[1] Zitiert aus Teske, Martin, „Spirituelle Abenteuer“, Verlag make a book 2008, Kindle edition


Mediale Einflüsse und Folgen


Eschners Thelema-Anhänger warben in Norddeutschland insbesondere in Diskotheken neue Mitglieder an. Dies traf zusammen mit der Entwicklung des Hard Rock, Heavy Metal und Black Metal, in denen Magie und Okkultismus in Texten und z.B. Kleidung der Musiker eine große Rolle spielt (Black Sabbath-Sänger Ozzy Osbourne zum Beispiel widmete dem Satanisten und Eschner-Vorbild Aleister Crowley 1980 eine Hymne „Mister Crowley“). [1]

Mehr über die Verbindungen zwischen Rockmusik/Rockmusikern und satanistischen Gewalttätern findet sich bei unseren Recherchen über Charles Manson.

Quellen:
[1] Teske, Martin, „Spirituelle Abenteuer“, Verlag make a book 2008, Kindle Edition