„Höllenleben“ – „Nicki“ zeigt Kindstötung auf der Wewelsburg an

Im Dezember 2001 strahlte die ARD den Dokumentarfilm „Höllenleben“ aus, in dem eine Frau mit DIS (Dissoziativer Identitätsstruktur, siehe Begriffserklärungen), die sich „Nicki und die Bärenbande“ nennt, von Ritueller Gewalt in ihrer Kindheit in einer satanistischen Sekte erzählt. „Nicki“ zeigte sich im Rahmen der Recherchen zum Film selbst wegen Kindstötung an.

Tatzeit von:


1. Januar 1961
(geschätzter Zeitraum nach Angaben von "Nicki")

Tatzeit bis:


31. Dezember 1997
(geschätzter Zeitraum nach Angaben von "Nicki")

Urteil/Anlass Datum:


12. Dezember 2001

Stadt:


Gütersloh

Bundesland/Landstrich:


Nordrhein-Westfalen (NRW)

Land:


Deutschland

Ist Rituelle Gewalt in Deutschland strafbar?


„Nicki“ berichtet im Film von Foltern und Vergewaltigungen über viele Jahre. [1] Die Kindstötung ist die einzige Tat, von der sie berichtet, die zum Sendezeitpunkt noch nicht verjährt ist. Die Polizei Gütersloh nahm in Sachen der Kindstötung Ermittlungen auf. Die Staatsanwaltschaft Paderborn führte das Verfahren, weil der Tatort der Kindstötung die Wewelsburg bei Paderborn gewesen sein soll.

Diverse Zeuginnen meldeten sich zu diesem Film und ergänzten „Nickis“ Aussagen auch gegenüber der Polizei. [2], [3], [4] „Nickis“ Mutter, eine der Haupttäter/innen, war zu diesem Zeitpunkt bereits verstorben.

Das Verfahren wurde 2011 eingestellt, weil nach Ansicht der Ermittlungsbehörden keine Anhaltspunkte mehr offen waren. Die Kindstötung selbst konnte nicht nachgewiesen werden.

Der Fall hatte bereits eine juristische Vorgeschichte: „Nickis“ Stiefvater wurde in den 1970er Jahren wegen Kindesmissbrauch an „Nicki“ zu 18 Monaten Haft verurteilt. „Nickis“ damalige Schilderungen von Ritualen und einer Gruppe von Tätern, die sie wiederholt gefoltert haben, wurden dabei nicht berücksichtigt. [4]

Heute ist nicht mehr nachvollziehbar, welche Aussagen „Nicki“ im Rahmen der Verurteilung ihres Stiefvaters gemacht hat. Die Akten zur Verurteilung ihres Stiefvaters sind inzwischen vernichtet worden, das stellte sich im Zuge eines OEG-Verfahrens 2013 heraus. [5]

Quellen:
[1] Film „Höllenleben“ von Liz Wieskerstrauch, ARD 2001, Link zum Film bei Youtube
[2] Radio-Feature „Ritueller Mißbrauch und die Suche nach der Wahrheit“ von Claudia Fischer und Christina Nagel, WDR 2004, Manuskript auf Anfrage bei uns erhältlich
[3] Film „Höllenleben 2 – Der Kampf der Opfer“ von Liz Wieskerstrauch, ARD 2003, Link zum Film bei Youtube
[4] Diverse Tageszeitungs-Artikel in der „Neuen Westfälischen“ und dem „Westfalen-Blatt“ aus Bielefeld, z.B. NW am 15.12.2001
[5] Weitere Informationen von den „Nickis“ direkt erhalten.


Warum werden die Täter/innen selten gefasst und verurteilt?


In „Nickis“ Fall waren die Taten, von denen sie berichtete, alle verjährt. Einzige Ausnahme: Die Kindstötung auf der Wewelsburg. Diese konnte aber nicht mehr nachgewiesen werden. (Siehe Rubrik „Urteile in Deutschland“) Nickis Mutter, eine der Haupttäter/innen, war zum Zeitpunkt der Selbstanzeige 2001 bereits verstorben.


Sind Kinder bei Ritueller Gewalt gestorben?


Die Kindstötung auf der Wewelsburg, von der Nicki berichtete, konnte von den Ermittlungsbehörden nicht mehr nachgewiesen werden. (Mehr unter „Urteile in Deutschland“)


Woher kommen diese Kinder?


„Nicki“ beschreibt im Film „Höllenleben“, wie ihre zum Sendezeitpunkt bereits verstorbene Mutter selbst sie in die Hände der Täter gegeben hat. [1]

Quellen:
[1] Film „Höllenleben“ von Liz Wieskerstrauch, ARD 2001, Link zum Film bei Youtube


Welche Rolle spielt sexualisierte Gewalt?


„Nicki“ berichtet im Film über unzählige extrem gewalttätige Vergewaltigungen, auch an anderen Kindern und auch durch mehrere Täter/innen.

Diese Taten sollen im Rahmen so genannter „Schwarzer Messen“  stattgefunden haben oder in Privatwohnungen, in denen ihre Mutter sie an andere Täter weiter gegeben hat, wahrscheinlich gegen Geld. Neben der Wewelsburg bei Paderborn besucht sie im Film auch Waldstücke und Burgruinen in Gütersloh, Paderborn und Umgebung, wo sie sich an Taten erinnert, und sie berichtet von Kellern und Dachböden als Tatorte, ohne noch sagen zu können, wo diese gewesen sind. [1]

Quellen:
[1] Film „Höllenleben“ von Liz Wieskerstrauch, ARD 2001, Link zum Film bei Youtube


Wer sind die Täter/innen?


„Nicki“ beschuldigt im Film ihren Stiefvater und ihre Mutter, die meisten Taten an ihr begangen zu haben. Ihre Mutter war zum Tatzeitpunkt bereits verstorben.An weitere Täter/innen erinnerte sie sich, ohne Namen nennen oder Gesichter beschreiben zu können, weil diese Köpfe meist unter Kapuzen verborgen waren. Nachgewiesen werden konnte das nicht.

Quellen:
[1] Film „Höllenleben“ von Liz Wieskerstrauch, ARD 2001, Link zum Film bei Youtube


Gibt es Kannibalismus?


„Nicki“ berichtet davon, dass sie nach der Tötung ihres eigenen Kindes auf der Wewelsburg ein Stück vom Herz des Babys essen musste. Auch in anderen Fällen, von denen sie berichtet, sei sie bei Morden anwesend gewesen und es seien Teile der Getöteten gegessen worden. Nachgewiesen werden konnte das nicht.

Quelle:
[1] Film „Höllenleben“ von Liz Wieskerstrauch, ARD 2001, Link zum Film bei Youtube


Psychologische / medizinische Hintergründe


„Nicki und die Bärenbande“ waren 20 Jahre lang in Therapie. Der Name steht für ein System von „Innenpersonen“, die sich als Folge der erlittenen Traumata in ihr gebildet haben. [1]

„Nicki“ gilt als einer der frühesten bekannten Fälle von Patientinnen mit DIS in Deutschland. [2] In der Therapie hat sie gelernt, wie alle Innenpersonen zusammen arbeiten können und den Alltag gemeinsam gestalten. „Nicki“ geht arbeiten und war verheiratet. Heute hat sie keine Amnesien oder Flashbacks (Siehe „Begriffserklärungen“) mehr. Sie macht ehrenamtlich Öffentlichkeitsarbeit für Menschen mit DIS, hat in mehreren Filmen mitgewirkt und Artikel geschrieben, sie hält Vorträge und leitet Workshops sowie eine Selbsthilfegruppe und ein Internet-Forum für Betroffene. [3]

Quellen:
[1] Film „Höllenleben“ von Liz Wieskerstrauch, ARD 2001, Link zum Film bei Youtube
[2] Fliß/Igney, „Rituelle Gewalt“, darin Interview mit Monika Veith
[3] Homepage des Vereins „Lichtstrahlen Oldenburg e.V.“


Religiöse und Ideologische Hintergründe


„Nicki“ hat anhand von Symbolen und Vorgehensweisen im Nachhinein als Kult den satanistischen Ordo Templi Orientis (O.T.O.) ausgemacht. Erwähnt wurde das laut ihrer Erinnerung von den Täter/innen aber nicht.Sie musste als Kind Teile des „Liber al vel legis“ von Aleister Crowley auswendig lernen („Tu was Du willst sei das einzige Gesetz“ usw.).[1]

Quelle:
[1] Persönliche Informationen von „Nicki und der Bärenbande“


Spezielle Orte


Wewelsburg – Die Wewelsburg im Kreis Paderborn ist der Ort, an dem „Nicki“ sich in dem ARD-Film Höllenleben daran erinnerte, hier an einer schwarzen Messe teilgenommen zu haben. Im Rahmen dieser Messe sei, so sagt sie, ihr Kind geboren worden und sie habe es selbst töten müssen. [1] Bei den späteren Ermittlungen konnte die Kindstötung aber nicht nachgewiesen werden.

Von der Wewelsburg als Tatort berichten immer wieder Aussteiger/innen aus Ritueller Gewalt. Immer wieder kommen Gerüchte auf, zumindest in den 1960er bis 1980er Jahren habe es bei entsprechenden Kult-Gruppen eigene Schlüssel zum Nordturm der Burg gegeben.

WDR-Recherchen ergaben 2003, dass die Burg 2003 zwar mit einem aufwändigen Schließ-System gesichert war, dass aber ausgerechnet die Räume im Nordturm nicht an dieses Schließsystem angeschlossen waren. Ausschließen konnte man die Anwesenheit unerwünschter Besucher/innen also nicht. [2], [3]

Untersuchungen des Bundeskriminalamtes haben laut Aussage der Paderborner Staatsanwaltschaft keine Blutspuren oder andere Sachbeweise in der Wewelsburg erbracht. [2], [3]

Quellen:
[1] Film „Höllenleben“ von Liz Wieskerstrauch, ARD 2001, Link zum Film bei Youtube
[2] Radio-Feature „Ritueller Mißbrauch und die Suche nach der Wahrheit“ von Claudia Fischer und Christina Nagel, WDR 2004, Manuskript auf Anfrage bei uns erhältlich
[3] Film „Das Schließsystem der Wewelsburg“ von Claudia Fischer und Christian Nagel, WDR Fernsehen, Sendung „Lokalzeit OWL aktuell“, 2004


Soziale und gesellschaftliche Faktoren


Der Film „Höllenleben“ von Liz Wieskerstrauch (ARD 2001) hat sowohl Rituelle Gewalt als auch die Dissoziative Identitätsstruktur (DIS, siehe Begriffserklärungen) als häufige Folge für die Betroffenen sehr bekannt gemacht. [1]

Obwohl die Ermittlungen mangels Erkenntnissen eingestellt wurden, gilt „Nicki“ bis heute als Expertin für DIS und Rituelle Gewalt, hält Vorträge und Workshops. Sie betreibt ein Internet-Forum für Betroffene und eine Selbsthilfegruppe sowie einen Selbsthilfeverein. [2], [3]

Quellen:
[1] Film „Höllenleben – Eine multiple Persönlichkeit auf Spurensuche“ von Liz Wieskerstrauch, ARD 2001, Link zum Film bei Youtube
[2] Homepage des Vereins „Lichtstrahlen Oldenburg e.V.“
[3] Film „Ein Körper mit System“ von Claudia Fischer und Maren Müller, Eigenverlag auf DVD seit 2005, erhältlich über die Homepage des Vereins „Lichtstrahlen Oldenburg e.V.“


Mediale Einflüsse und Folgen


Der Film „Höllenleben“ von Liz Wieskerstrauch (ARD 2001) wurde mehrfach ausgezeichnet. [1] Autorin Liz Wieskerstrauch erhielt dafür den Film- und Fernsehpreis des Hartmannbundes 2001 und „Höllenleben“ wurde für den Adolf-Grimme-Preis 2002 nominiert. [2]

2003 berichtete Liz Wieskerstrauch weiter: In „Höllenleben 2 – Der Kampf der Opfer“ kommen weitere Opfer Ritueller Gewalt zu Wort, die sich zum Fall „Nicki“ gemeldet haben. [3]

2005 veröffentlichte „Nicki“ den Film „Ein Körper mit System“ (Filmemacherinnen: Claudia Fischer und Maren Müller), in dem sie ihr Leben mit der Dissoziativen Identitäts-Struktur (DIS) beschreibt. Die erlittene Gewalt ist hier absichtlich kein Thema, weil der Film zeigen soll, wie „Nicki“ heute mit der DIS ihren Alltag gestaltet. [4] Außerdem schreibt „Nicki“ Buchartikel und steht für Veranstaltungen und Interviews in Radio, Fernsehen und Printmedien oder für wissenschaftliche Arbeiten zur Verfügung. [5]

Quellen:
[1] Film „Höllenleben – Eine multiple Persönlichkeit auf Spurensuche“ von Liz Wieskerstrauch, ARD 2001, Link zum Film bei Youtube
[2] Homepage von Liz Wieskerstrauch, Auszeichnungen
[3] Film „Höllenleben 2 – Der Kampf der Opfer“ von Liz Wieskerstrauch, ARD 2003, Link zum Film bei Youtube
[4] Film „Ein Körper mit System“ von Claudia Fischer und Maren Müller, Eigenverlag auf DVD seit 2005, erhältlich über die Homepage des Vereins „Lichtstrahlen Oldenburg e.V.“
[5] Homepage des Vereins „Lichtstrahlen Oldenburg e.V.“